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„Klavier-Weltmeisterin“ aus Kaarst:
Carmen Geutjes (12) will die großen Bühnen erobern

Hamburg, Elbphilharmonie: Carmen, klein und von zarter Statur, betritt die Bühne, Augen und Ohren von rund 2.000 Menschen sind auf sie gerichtet. Sie nimmt auf dem Hocker Platz, prüft, ob ihre Haare richtig liegen und das Kleid gut sitzt. Dann konzentriert sie sich ganz auf ihr virtuoses Klavierspiel. Carmen Geutjes ist zwölf Jahre alt, Jungstudentin an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf  und so etwas wie die "Weltmeisterin am Klavier" in ihrer Altersklasse.

Im zarten Alter von elf Jahren gewann die Kaarsterin beim Internationalen Klavierwettbewerb in Spanien den ersten Platz für Deutschland. Der Wettbewerb richtet sich an herausragende Pianisten weltweit im Alter von acht bis 30, ist international auf dem höchsten Niveau. 82 Musiker aus 22 Ländern hatten sich in vier Altersklassen gemessen. In der hochkarätigen Fachjury saßen international renommierte Pianisten sowie Hochschulprofessoren aus Spanien, Deutschland, Belgien, Italien und Mexiko.

Weitere erste Preise holte Carmen unter anderem beim Landeswettbewerb "Jugend musiziert" und dem Steinway-Klavierwettbewerb. Mit zehn Jahren bestand sie die Aufnahmeprüfung für die Schumann Junior. Seitdem stehen jeden Samstag Gehörbildung, Rhythmik und Musiklehre, Ensemblespiel und Improvisation auf dem Stundenplan. Außerdem nimmt sie regelmäßig an den Konzerten der Hochschule teil. "Wir verstehen uns als Hochbegabten-Ausbildungszentrum", macht Professor Barbara Szczepanska, Direktorin der Schumann Junior, deutlich, dass hier höchste Maßstäbe angesetzt werden. "Carmen ist ein begabtes und fleißiges Kind, sehr aktiv, offen und immer gut gelaunt; auch wird sie sehr gut von ihren Eltern unterstützt", freut sich Szczepanska über das junge Talent an ihrer Hochschule. Zudem bescheinigt sie Carmen eine "sehr starke Bühnenpräsenz", wie man zum Beispiel beim Steinway-Wettbewerb in Hamburg gesehen hat (siehe oben).

Zwei weitere Merkmale zeichnen Carmen aus: Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. "Bereits mit sieben Jahren war für sie klar, dass sie als Pianistin auf großen Bühnen spielen möchte", erinnert sich ihre Mutter Wen Geutjes. Mittlerweile sitzt Carmen täglich zwei bis drei Stunden am Klavier, hat ihre damaligen Hobbies Kung Fu und Ballett schon vor langer Zeit aufgegeben. Schwimmen und Fußballspielen gehören weiter zu ihren Vorlieben – auch wenn sie nur selten Zeit dafür findet.

Apropos Zeit: Carmens Eltern Wen und Johan haben nie Druck ausgeübt. "Sie fragen mich sogar jetzt noch manchmal, ob ich das wirklich möchte", erzählt Carmen mit Blick auf die vielen Stunden, die sie am Klavier verbringt.

Im Moment bereitet sich Carmen auf ein ganz besonderes Konzert vor: Das Kölner Sinfonieorchester wird im Schumann-Saal das Mozart-Konzert KV 488 aufführen. Am Flügel: Carmen Geutjes. "Das ist für Pianisten ein Traum", sagt die Zwölfjährige. Lampenfieber wird sie wohl nicht haben, vermutet sie, obwohl sie mit rund 30 Erwachsenen spielen wird: "Die sind alle unglaublich nett zu mir!"

Auch wenn Carmen in Sachen Bühnenpräsenz eine gehörige Portion Coolness ausstrahlt – wenn ihre Finger die Tasten berühren, begibt sie sich in ihre ganz eigene Gefühlswelt. "Ich will das Klavier zum Weinen, Lachen und Singen bringen", macht sie deutlich, dass sie ganz viel Persönlichkeit in ihr Spiel einbringt. Auf die Frage, was sie am Klavierspiel so fasziniere, antwortet sie mit einem etwas abgewandelten Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo: "Ich möchte mit meiner Musik das ausdrücken, was ich nicht sagen kann, aber worüber ich auch nicht schweigen kann."

Gefühlvolle Worte, die deutlich machen, dass Carmens Zukunftspläne eindeutig sind: Erst will sie ihr Abitur am Vorster Georg-Büchner-Gymnasium "bauen", dann soll das Musikstudium folgen – und schließlich die ganz großen Auftritte. Und wenn es damit nicht klappen sollte? "Das kann nicht sein, das wird klappen!", so Carmen. Wie gesagt, zu ihren Eigenschaften gehören Ehrgeiz und Zielstrebigkeit...

Rolf Retzlaff