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Teurer Blick von der Brücke: ein Fall für Mario Barth und das Steuer-Schwarzbuch

Teurer Blick von der Brücke: ein Fall für Mario Barth und das Steuer-Schwarzbuch
FOTO: Rolf Retzlaff
Kaarst. Alljährlich prangert der Bund der Steuerzahler (BdST) in seinem Schwarzbuch die bundesweit schlimmsten Fälle von Steuergeldverschwendung an - und in der aktuellen Ausgabe ist auch Kaarst zu finden: Aufgrund der geplanten rund 150.000 Euro teuren Aussichtsplattform werde die Ohrenbrücke zu einer "zweifelhaften Augenweide", heißt es in dem allseits gefürchteten Werk mit dem Titel "Die öffentliche Verschwendung". Von Rolf Retzlaff

Seit Monaten wird an der Ohrenbrücke gebaut; sie soll ins Gewerbegebiet Kaarster Kreuz führen und dabei die L 390, die Regiobahnstrecke und den Nordkanal überqueren. Und damit letzterer von der Brücke aus von Radlern und Fußgängern gebührend genossen werden kann, soll die besagte Aussichtsplattform entstehen. Für den Bund der Steuerzahler reine Steuergeldverschwendung: "Wer beim Betrachten des Nordkanals nicht die Abgase der Autos inhalieren möchte, kann sich den Nordkanal natürlich auch an anderen Stellen in Kaarst anschauen. Oder der interessierte Betrachter genießt das künftige Bodendenkmal ein paar 100 Meter von der Ohrenbrücke entfernt, jenseits der Stadtgrenze, im kleinen Park Jröne Meerke in Neuss", so der BdSt.

Und auch einer der bekanntesten deutschen Comedians ist auf den teuren Blick auf den Nordkanal aufmerksam geworden: In seiner RTL-Sendung "Mario Barth deckt auf" widmete er diesem Thema einen kurzen Beitrag und machte Kaarst so landesweit bekannt – allerdings als eine Stadt, in der – zumindest in einem Fall – Steuern verschwendet werden.

Die Kaarster Stadtverwaltung sieht dies ganz anders. Von Steuerverschwendung will hier niemand was wissen: "Die Planung und Gestaltung öffentlicher Bauwerke müssen neben den Gesichtspunkten der Kosteneinsparung und Zweckmäßigkeit auch Fragen der Ökologie, des Denkmalschutzes und weitere Anforderungen berücksichtigen", heißt es in einer sperrig formulierten Stellungnahme. Es wird darauf hingewiesen, dass die Bezirksregierung zurzeit prüfe, ob der Nordkanal zu einem Bodendenkmal auserkoren werden könne. "Die Brückengestaltung trägt diesem Ansinnen Rechnung und ermöglicht der interessierten Öffentlichkeit den Blick auf das zukünftige Bodendenkmal.", so die Verwaltung. Die Fachausschüsse und der Rat der Stadt Kaarst hätten bewusst für die Gestaltung der Brücke mit Aussichtspunkt auf den Nordkanal gestimmt, da dies der einzige Punkt im Stadtgebiet sein werde, an dem man das historische Bauwerk Nordkanal aus der Perspektive wahrnehmen könne. Und weiter: "Diese Entscheidung ist auch insbesondere im Hinblick auf die geplante und vom Umweltministerium des Landes NRW ausdrücklich unterstützte ökologische Aufwertung des Nordkanals und dem hohen öffentlichen Interesse an diesem Thema aktuell bedeutsamer denn je."

Wie auch immer: In den kommenden Wochen wird wahrscheinlich noch so manches Mal diskutiert, ob die Kosten für die Aussichtsplattform gerechtfertigt sind. Tatsache ist: Die Stadt Kaarst wollte keine Null-acht-fünfzehn-Brücke als wichtige Verbindung ins Gewerbegebiet Kaarster Kreuz und somit zum neuen Ikea-Möbelhaus bauen – und das scheint ihr zu gelingen. Ob das Geld an anderer Stelle besser ausgegeben wäre, sei dahingestellt...

(Kurier-Verlag)