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Wenn Kinder von Fremden angesprochen werden: „Aufmerksam bleiben, aber Panikmache hilft nicht“

Wenn Kinder von Fremden angesprochen werden: „Aufmerksam bleiben, aber Panikmache hilft nicht“
Die Polizei setzt auf erhöhte Aufmerksamkeit, warnt aber gleichzeitig vor Panikmache. FOTO: Polizei
Neuss/Kaarst. An einigen Schulen in Kaarst, Meerbusch und der Neusser Nordstadt herrscht zurzeit Ausnahmezustand: Eltern haben Angst um ihre Kinder, die laut Meldungen in diversen sozialen Netzwerken von fremden Männern auf dem Weg zur Schule angesprochen wurden. Sowohl die Schulleiter als auch die Polizei können allerdings nicht bestätigen, dass es in den vergangenen Wochen zu Besorgnis erregenden Vorfällen gekommen sei und warnen davor, "unnötig Ängste zu schüren".  Von Rolf Retzlaff

Beispiel Grundschule Stakerseite: Hier soll ein Junge von einem Pärchen aus einem dunkelblauen A1 heraus angesprochen worden sein; er solle mitkommen, seinem Vater sei etwas Schlimmes passiert. Josef Oppermann, Leiter der Grundschule Stakerseite, kann dies nicht bestätigen. Er hat sich mit seinen Schulleiterkollegen aus Kaarst abgesprochen, keinen Infobrief an die Eltern weiter zu geben. Schließlich gebe es Nachrichten in den sozialen Netzwerken – und keinerlei offizielle Bestätigung.

In der Neusser Nordstadt haben Schulleiter mit einem Elternbrief reagiert, in dem sie sachlich nochmals darum bitten, mit den Kindern darüber zu sprechen, wie sie sich verhalten sollten, wenn eine fremde Person sie anspricht.

Berthold Kummer, Leiter des Vorster Georg-Büchner-Gymnasiums, reagierte auf Anrufe von Eltern, die von einem Vorfall an der Aral-Tankstelle in Holzbüttgen berichteten; auch hier habe ein Mann versucht, ein Kind in den Wagen zu locken. Kummer bestätigt dies nicht, setzte aber gemeinsam mit der Schulpflegschaft einen Elternbrief auf und bat die Lehrer, in den unteren Klassen Vorfälle dieser Art im Unterricht zu thematisieren.

Hans-Willi Arnold, Sprecher der Kreispolizeibehörde, hat mit vermehrten Meldungen von Vorfällen dieser Art schon gerechnet. Am 25. August wurde in den Medien berichtet, dass ein siebenjähriges Mädchen an einer Bushaltestelle in Meerbusch von einem unbekannten Mann am Arm ergriffen und weggeführt worden sei. Nach Eingreifen einer Zeugin ließ der Mann von dem Kind ab. "Mit der Veröffentlichung dieser Meldung war der Kreispolizeibehörde aus vielen Erfahrungen klar, dass es in den nächsten Tagen weitere Schilderungen geben wird, die das verdächtige Ansprechen von Kindern zum Inhalt haben werden", so Arnold.

Die Gründe sind vielfältig: Oft geht mit den Kindern die Fantasie durch, nachdem sie von ihren Eltern stark sensibilisiert wurden und so Alltagssituationen als vermeintlich gefährlich erleben. Wie zum Beispiel in dieser Woche in Meerbusch, wo ein Mädchen einen angeblich "böse grinsenden Mann" auf sich zukommen sah. Das Kind rannte panisch nach Hause und brach dort zusammen. Vorher konnte es noch das Kennzeichen des Autos angeben, aus dem der Mann gestiegen war. Das Ergebnis der Ermittlung: Bei dem "Verdächtigen" handelte es sich um einen Zeitungsauslieferer, der Pakete mit Druckerzeugnissen an der Haltestelle abgelegt hatte.
Ein weiterer Vorfall vor einigen Jahren in Kaarst: Ein Kind rannte schreiend in die Schule, weil es an der Neusser Straße von einem Mann angesprochen worden sei. Die Polizei konnte den vermeintlichen "Täter" sofort stellen; er wollte mit seinem Auto nur in seine Einfahrt setzen und hatte dem Mädchen gewunken, dass es vorher über den Bürgersteig vorbei gehen könne. 
Ebenfalls in Kaarst hatten vor einigen Jahren zwei Jungs behauptet, von einem Mann angesprochen und beinahe entführt worden zu sein. Schließlich stellte sich heraus, dass die beiden auf dem Heimweg gebummelt und Angst vor der Elternschelte hatten. Deshalb die ungewöhnliche Ausrede, die aber bewirkt hatte, dass in den folgenden Tagen andere Kinder behauptet hatten, ebenfalls von Fremden belästigt worden zu sein. 
"In allen der Polizei bisher bekannten Fällen, gibt es keine konkreten Hinweise auf ein strafrechtliches Verhalten oder auf eine konkrete Gefährdung für Kinder", so Arnold zur aktuellen Situation. Nach den bisherigen Ermittlungen kommt er zu folgender Einschätzung: "Aufgrund der Vielzahl der mitgeteilten Vorfällen über das verdächtige Ansprechen von Kindern, mit vielfacher Nutzung von Facebook und Co. gibt es sowohl unter den Eltern als auch an den Schulen und Kindergärten eine Unruhe, die sich täglich potenziert und auf angrenzende Gebiete überschwappt. Etliche Eltern sind deshalb in größter Sorge.
Hierzu besteht kein Anlass!"
Arnold warnt vor Panikmache, macht aber gleichzeitig deutlich, dass alle Hinweise ernst genommen werden. "Alle Streifen der Polizei im Rhein-Kreis Neuss– Streifenwagenbesatzungen, Bezirksbeamte und zivile Einsatzkräfte – sind für die Sorgen und Nöte von Eltern und Kindern sensibilisiert."

Hier gibt die Polizei ein paar Tipps zu Verhaltensregeln:

Liebe Eltern, obwohl der weitaus überwiegende Teil  von Übergriffen auf Kinder im sozialen oder familiären Umfeld des Kindes stattfindet, sollten Sie Ihre Kinder auch darüber informieren, wie sie sich auf dem Schulweg, oder in der Freizeit verhalten sollen, wenn sie ohne elterliche Aufsicht unterwegs sind:

- Gehe mit Freunden oder Klassenkameraden zusammen - gemeinsam seid ihr stark und die Wege sind sicherer !

- Benutze möglichst immer die gleichen Wege - so kennst Du Dich gut aus und weißt, wo Du im Notfall Hilfe finden kannst!

- Sage laut und deutlich was Du nicht willst - habe auch Erwachsenen gegenüber Mut zu sagen "Lassen Sie mich in Ruhe!"

- Tritt auf keinen Fall an Fahrzeuge heran! Fragen von Autofahrern können von Erwachsenen beantwortet werden!

- Mach auf dich aufmerksam, wenn Du Dich bedroht fühlst! Schrei laut und gehe direkt zu anderen Personen, um Dir Hilfe zu holen!

- Weglaufen ist nicht feige! Wenn Du Dich abwendest und gehst, schaffst Du Abstand!

- Wenn kein anderer Erwachsener in der Nähe ist, sprich Kinder an!

- Schrei laut um Hilfe!

- Du kannst in Notfällen jederzeit über Handy oder aus einer Telefonzelle den Polizeinotruf 110 anrufen. Das geht auch ohne Handykarte oder Münzen.

- Wenn Dir auf dem Schulweg etwas verdächtig vorgekommen ist, solltest Du es sofort Deinen Lehrern und Deinen Eltern erzählen!

- Überlege mit Deinen Eltern, in welchem Geschäft Du auf Deinem Schulweg Hilfe im Notfall finden kannst!

- Halte Dich an Absprachen mit Deinen Eltern und sei  möglichst pünktlich, damit Deine Eltern wissen, dass sie sich auf Dich verlassen können und sich keine unnötigen Sorgen machen.

Noch ein Tipp zum Schluss:

Vereinbaren Sie mit anderen Eltern genau, wer Ihr Kind aus Schule oder Kindergarten abholen darf. Ihr Kind sollte wissen, dass es nur mit diesem  möglichst kleinen  Personenkreis mitgehen oder mitfahren darf - ohne Ausnahme.

Hilfreich ist auch das Vereinbaren eines Passworts: Sollte jemand Ihr Kind mit der Behauptung ins Auto locken wollen, Ihnen sei etwas passiert, lassen Sie Ihr Kind ein mit Ihnen vereinbartes Passwort fordern.

Weitere Informationen unter www.polizei-beratung und beim Kriminalkommissariat für Kriminalprävention und Opferschutz unter der Rufnummer 01231 /3000.