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„Das System Schule kritisch unter die Lupe nehmen“ Dr. Albert Wunsch stellt provokante Thesen auf

„Das System Schule kritisch unter die Lupe nehmen“ Dr. Albert Wunsch stellt provokante Thesen auf
Der Neusser Dr. Albert Wunsch ist Autor mehrerer Fachbuch-Bestseller. FOTO: Foto: Till Budde
Neuss. „Die Schule bietet den Raum zum größtmöglichen ,Betroffenen-Treff’ von Verwöhnten.“ Diese provokante These stellt Dr. Albert Wunsch in seinem Beitrag über „Verwöhnung als Motivations-Killer – Anstöße zur Vitalisierung verschütteter Schüler-Potenziale“ im Fachbuch „Schüler motivieren – Konzepte und Methoden für die Schule“ auf. Der Neusser Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Diplom-Pädagoge und -Sozialpädagoge fordert, einerseits Schüler und Eltern, andererseits das ganze System Schule – von den gesetzlichen Rahmenbedingungen bis zum Verhalten der einzelnen Lehrkraft – unter die Lupe zu nehmen. Von Rolf Retzlaff

Natürlich schnappe die „Verwöhnungsfalle“ schon im Elternhaus zu, weiß Wunsch. Die Schule dürfe allerdings keine Verwöhn-Strukturen zulassen oder gar schaffen – dann werde sie zum eingangs erwähnten „Betroffenen-Treff von Verwöhnten“. Ein Beispiel aus der Praxis: Zahlreiche Lehrkräfte würden zu spät im Unterricht erscheinende Schüler kaum oder gar nicht ansprechen. Ganz anders reagierte eine Lehrerin in Korschenbroich: Jeder Zuspätkommende musste sich ungefragt nach Ende der Stunde eine Zusatzaufgabe abholen, die er zu Hause erledigen musste. „Nach kurzer Zeit kam kaum noch einer zu spät“, erklärt Wunsch, dass dies zur Lebensvorbereitung gehöre: „Bei einem Vorstellungsgespräch kann man auch nicht zu spät kommen!“

Wunsch erwartet von den Lehrern, einen interaktiven Unterricht gestalten zu können. Dies müsse in der Ausbildung mehr gefördert werden. Neben der Methodik sei aber auch die Persönlichkeit der Lehrkraft gefragt: „Man muss sich auch trauen, mit den Schülern zu interagieren.“

Gleichzeitig bricht er eine Lanze für das Lehrpersonal: „Das System Schule überfordert die Lehrer.“ Wenn man bis zu zehn Klassen à 25 Kindern unterrichte, könne die Persönlichkeit des Einzelnen kaum berücksichtigt werden. Zudem stellten die Eltern massive Ansprüche an die Lehrer, „wobei sich die Eltern meist gar nicht und die Schüler nur begrenzt einbringen. Wie kann sich zum Beispiel ein Staat leisten, dass Eltern jahrelang keinen Elternsprechtag in der Schule besuchen. Da müsste der Staat die Pflicht zur Teilnahme einfordern.“

Weiter übt Wunsch Kritik am aufgeblähten Verwaltungsapparat mit all seinen Vorschriften. Ein besonders extremer Vorfall: Ein neunjähriger Grundschüler aus dem Rhein-Kreis Neuss tyrannisierte Schüler und Lehrer, bis die Rektorin Hilfe bei der Bezirksregierung suchte. Diese Behörde hüllte sich in Schweigen. Das Resultat: Der Junge brach nachts in die Grundschule ein und ließ hier seiner Zerstörungswut freien Lauf. Vorfälle dieser Art würden den Lehrer auf lange Sicht zermürben. Deshalb schlägt Wunsch vor, nach 20 Dienstjahren verpflichtend ein Sabbatjahr für Lehrer einzuführen, damit diese neue Motivation schöpfen könnten.

Rolf Retzlaff

(Kurier-Verlag)