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„Ich trau mich kaum noch vor die Tür“: Neusser Muslima wehrt sich nach Terroranschlägen gegen viele Vorurteile

„Ich trau mich kaum noch vor die Tür“: Neusser Muslima wehrt sich nach Terroranschlägen gegen viele Vorurteile
Durdu Yavuz, Yasemin Balta und Rukiye Jaser gehen auf Einheimische zu, wollen weiter an der Integration arbeiten – sie verurteilen die Terroranschläge aufs Schärfste. FOTO: Foto: Violetta Buciak
Terrorismus in Paris, Massenproteste, Pegida: In den Medien wird kaum ein anderes Thema so heftig diskutiert wie diese. Auch die Stadt Neuss rüstet in Sachen Aufklärung auf, will den Bürgern den Islam näherbringen, ihnen so die Angst nehmen. Bis gestern gab es dazu eine entsprechende Ausstellung im Rathaus, die Norfer Moschee lud zum Austausch ein. „Zu wenig“, sagen die Puzzlefrauen, jene, die es wissen müssen. Von Violetta Buciak

von Violetta Buciak

Neuss.

Wenn Rukiye Jaser einkaufen geht, muss sie oft skeptische Blicke ertragen. Die 43-Jährige ist gläubige Muslima, trägt seit einem Dreivierteljahr Kopftuch – aus eigener Überzeugung. „Erst wenn ich mit den Leuten spreche und sie merken, dass ich akzentfrei mit ihnen reden kann, fällt die Scheu“, so die Krankenschwester. Die Neusserin ist Zweite Vorsitzende der Puzzle-Frauen, einem Verein, der im vergangenen Sommer mit dem Bürgerpreis der Sparkasse ausgezeichnet wurde. „Das Besondere an uns ist, dass wir mit unserem Migrationshintergrund einen Verein gegründet haben, der auf die Einheimischen aktiv zugeht und eben nicht unter uns bleiben“, erklärt Durdu Yavuz, Erste Vorsitzende. „Und das ist in Tagen wie diesen wichtiger denn je. Durch die jüngsten Ereignisse fühle ich mich bestätigt, das Richtige zu tun“, so die Weckhovenerin. Das Richtige tun, das wollen jetzt auch Politiker, Stadtverwaltung und Co. Im Foyer des Rathauses wurde deswegen eine gerade mal fünftägige Islam-Ausstellung realisiert. Hier gab es Bücher, Flyer und Plakate. Fraglich, ob es den rund 200 Besuchern pro Tag helfen kann, die Religion besser zu verstehen. „Stattdessen fallen wichtige Aktionen wie das Rucksackprojekt, das seit acht Jahren die Verständigung der Kulturen gefördert hat, einfach weg“, kritisiert Yavuz. „Weil es Differenzen zwischen zwei Einrichtungen gab“, erklärt die Weckhovenerin. „Dabei kamen gerade hierbei Mütter verschiedener Nationalitäten zusammen. Berührungsängste gab es keine“, weiß die 46-Jährige. Stattdessen wächst die Angst auch bei Yavuz. Naziparolen und Hakenkreuze am Rohbau der Dormagener Moschee haben sie bestürzt, ihr einen Stich versetzt. „Wir haben es satt, uns immer wieder für unsere Religion rechtfertigen zu müssen“, klagt Yazemin Bazza (23). Bereits zu Schulzeiten musste sie sich nach 9/11 kritische Fragen von ihrer Lehrerin gefallen lassen. Die gebürtige Neusserin will wie die meisten anderen Muslime in Neuss einfach nur in Frieden leben. Deswegen planen die Puzzlefrauen auch in Zukunft weitere Aktionen.

(Kurier-Verlag)