| 18.00 Uhr

Gedenkfeier zur Ehrung der Neusser Widerstandskämpfer
Benno Jakubassa warnt vor Rechtsruck

Benno Jakubassa warnt vor Rechtsruck
FOTO: SPD Neuss
Neuss. Zu Ehren der Widerstandskämpfer hält Benno Jakubassa in diesen Minuten eine bewegende Rede. Stadt-Kurier erhielt die Zeilen im Vorfeld. Die gesamte Rede lesen Sie hier:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen!

Am 23. März 1933 ebnete der Deutsche Reichstag mit dem Ermächtigungsgesetz den Weg in den totalitären Nazistaat. Einzig die SPD-Reichstagsfraktion stimmte dagegen, die kommunistischen Abgeordneten waren zu diesem Zeitpunkt längst inhaftiert. Die Worte, die der Vorsitzende der SPD-Reichstagsfraktion, Otto Wels, in der entscheidenden Sitzung gegen das Ermächtigungsgesetz fand, sind in die Geschichte eingegangen.

Ich zitiere: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten." Ende des Zitats

Mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes begann der Weg in die Barbarei. Doch auch in dieser dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte gab es mutige und entschlossene Menschen, die sich der Nazi-Diktatur widersetzten und dafür ihre Freiheit und sogar ihr Leben riskierten. Wir sind heute hier zusammengekommen, um dem Neusser Widerstand und insbesondere den ermordeten Neusser Widerstandskämpfern die Ehre zu erweisen und ihrer zu gedenken.

Dies sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber das war es lange Zeit nicht und ist leider auch heute noch längst nicht immer. Das ist es, was der inzwischen verstorbene bekannte deutsche Publizist Ralph Giordano mit dem Begriff der zweiten Schuld meinte. Die zweite Schuld, das meint die Verdrängung und Verleugnung und Relativierung der ersten Schuld, die Schuld für die deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945. Die Schlussstrichmentalität im öffentlichen Bewusstsein, die bis weit in die 70er Jahre hinein Bestand hatte und die es auch heute noch mehr gibt als uns recht sein kann, wurde nach dem Krieg zum 'Ruhebedürfnis der Deutschen‘ mit dem Wunsch die Vergangenheit auszublenden und zu vergessen.

Und so wie ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit nach dem Krieg die erste Schuld verdrängte und verleugnete, so verdrängte und verleugnete sie auch die Erinnerung an die Menschen, die Widerstand geleistet hatten. Und dies umso mehr, da ja diese Menschen der Beleg dafür waren, dass man auch einen anderen Weg hätte gehen können.

Auch wir in Neuss haben uns lange Zeit mit der Würdigung des Widerstandes gegen das Nazi-Regime schwer getan. So beschloss der Rat der Stadt Neuss im Jahre 1947 zwei Straßen nach den ermordeten Neusser Widerstandskämpfern Hermann Düllgen und Franz Sistemich zu benennen. Aber es dauerte über sechzig Jahre bis dieser Ratsbeschluss verwirklicht wurde.

Peter Maiwald, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker nach dem Krieg, der lange Zeit hier in Neuss in der Annostraße lebte, recherchierte Anfang der 80er Jahre die Namen und die Schicksale vieler Neusser Widerstandskämpfer. Hieraus entstand die Idee, sie hier im Rathausinnenhof mit einer Gedenktafel und dem bronzenen "Buch der Erinnerung" zu ehren.

Aber bis es soweit war, wurde über jeden Namen erbittert gestritten. Ein unwürdiger Streit ging der Errichtung des Mahnmals voraus. Und nach wie vor gibt es viele Menschen, die unsere deutsche Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 und die Frage der deutschen Schuld am liebsten verdrängen.

Eines aber muss uns klar sein. Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, der wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren. So hat es einmal Ernst von Weizsäcker auf den Punkt gebracht.

Dies wird aktuell deutlich in der Debatte um die Flüchtlinge, in der sich Scharfmacher und Rechtsradikale versammeln, die zündeln und hetzen. Ihre massenhafte bis weit in die bürgerliche Mitte reichende Existenz wirft 70 Jahre nach Kriegsende die Frage auf, was Deutschland aus der Nazi-Diktatur gelernt und verstanden hat.

Eigentlich sollte doch gerade für uns Deutsche nach den bitteren Erfahrungen aus unserer Geschichte klar sein, dass Hass auf Fremde in einer Demokratie keinen Platz haben darf, dass die hart erkämpften Werte des Menschenrechts bindend sind und dass das Recht auf Asyl nicht verhandelbar ist.

Stattdessen ist es auf einmal salonfähig, menschenverachtend zu sein. Facebook wird zur Heimat der Hassbotschaften. Im Netz triumphiert ein Rassismus, wie es ihn in dieser Lautstärke in der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.

Diejenigen, die jetzt auf Flüchtlinge und ihre Kinder an der Grenze schießen lassen wollen, die wollen eine andere Republik. Und das wird dann nicht mehr eine Republik der Demokratie, des Grundgesetzes und der Menschenwürde sein.

Wer die aktuelle hassverzerrte Debatte verfolgt, und die menschenverachtenden Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte zur Kenntnis nehmen muss, der erinnert sich an die Warnung von Berthold Brecht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch."

"Wir sind das Volk" brüllen die neuen rechten Krakeeler auf ihren Demonstrationen.

Sie irren sich gewaltig. Sie sind nicht das Volk. Sie haben kein Recht, sich mit diesem Satz zu schmücken. Er gehört den Menschen, die sich 1989 friedlich gegen die SED-Diktatur erhoben. Den neuen rechten Krakeelern rufen wir zu

"Schwenkt keine deutschen Fahnen. Schwarz, Rot und Gold sind nicht eure Farben. Sucht euch andere. Schwarz, Rot und Gold waren die Farben der Märzrevolution von 1848. Es sind die Farben der Demokratie, der Freiheit und der Brüderlichkeit."

Als am 24. Juni 1922 der damalige Außenminister Walther Rathenau von Rechtsradikalen ermordet wurde, da trat der damalige Reichskanzler aus der katholischen Zentrumspartei, Joseph Wirth, mit einer Rede vor den Reichstag, die so endete:

Ich zitiere:

"Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!"

Und das gilt auch heute noch, uns zur Mahnung.

Glück auf!