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Dramatisch: Jedes fünfte Kind in Neuss lebt an der Armutsgrenze

Dramatisch: Jedes fünfte Kind in Neuss lebt an der Armutsgrenze
Über 5.000 minderjährige Neusser, das bedeutet jedes fünfte Kind in der Stadt, beziehen Sozialgeld. FOTO: wolla2 / pixelio.de
Neuss. Dramatische Zahlen: Mit rund 5.110 Kindern lebt in Neuss laut der Bundesagentur für Arbeit etwa jedes fünfte Kind an der Armutsgrenze. Ihre Familien können ihre Grundbedürfnisse nicht ohne Hilfe stillen – genügend zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf und Strom. Häufig wachsen sie zu Menschen heran, die ihren Kindern ebenfalls nicht viel bieten können. Ein Teufelskreis? Von Hanna Loll

Dass Kinder, die in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen, bereits in ihren Schuleingangsuntersuchungen durchschnittlich schlechter abschneiden als Kinder, die in gesicherten Einkommensverhältnissen aufwachsen, ist längst erwiesen. Sie haben etwa doppelt so häufig Defizite im Lesen, in der Rechtschreibung, der Auffassungsgabe und sozialen Kompetenzen (Quelle: Bertelsmann Stiftung). Eine schlechte schulische Ausbildung führt zu einem schlechten Job – oder keinem. Und das führt zu Armut. Ist dieser Teufelskreis unüberwindbar? "Nein", findet Roland Sperling, Sprecher des Neusser Ortsverbands der Linken. "Zum einen leiden die Kinder natürlich unter der materiellen Armut. Häufig müssen sie zusehen, wie ihre Freunde tolle Geburtstagsgeschenke bekommen oder Ausflüge machen", erklärt Sperling die erniedrigende Situation für die Kleinen. "Und zum anderen kommen die schulischen Defizite hinzu. Die Chancen für Kinder, die an der Armutsgrenze leben, sind einfach viel geringer."

Rund ein Drittel aller Bezieher von Sozialgeld in Neuss sind Kinder. Für den Nachwuchs eine furchtbare Situation – ein Teufelskreis. Einige Projekte in Neuss sorgen dafür, dass zumindest einigen der Kinder geholfen wird. So hat die Stadt beispielsweise an der Initiative "Teilhabe ermöglichen – Kommunale Netzwerke gegen Kinderarmut" des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) teilgenommen und über einen Zeitraum von drei Jahren einen Zuschuss von 48.000 Euro für arme Kinder bekommen. Investiert wurde das Geld in das Projekt "Wir kümmern uns in der Nordstadt", das Kindern und Jugendlichen Hilfe im Alltag leistet und in allen Lebenslagen für Unterstützung und praktische Lebenshilfe sorgt.

„Die Chancen für Kinder, die an der Armutsgrenze leben, sind einfach viel geringer“, weiß Sperling. FOTO: Frank Möll

"Der Finanzierungsanteil des LVR an dem Projekt in Neuss läuft am 28. Februar 2016 aus. Damit endet die zusätzliche Personalressource. Das Projekt endet mit dem Erreichen des Projektzieles (Erfassen der Netzwerke und Kennenlernen)", heißt es aus dem Rathaus. "Wir ,Linken' bleiben da auf jeden Fall am Ball", verspricht Sperling, dem "Wir kümmern uns in der Nordstadt" sehr am Herzen liegt. "Ein solches Projekt hat nicht den Sinn, nach ein paar Jahren auszulaufen. Gerade eine solche Anlaufstelle muss eine feste Größe werden", statuiert der Rechtsanwalt.

Während sich Politiker aller Parteien die Lösung des Problems "Kinderarmut" auf die Fahnen schreiben, heißt es auch aus dem Rathaus: "Die Entwicklung weiterer Projekte ist Bestandteil der laufenden Jugendhilfeplanung und erfolgt nach festgestellten Bedarfen und Finanzressourcen." 

Trotz vieler helfender Hände, zahlreichen Vereinen und verschiedenen Projekten, um die Kinderarmut zu stoppen, sind die Zahlen schockierend. Das liegt an der Schwierigkeit, Betroffene auf die Angebote aufmerksam zu machen, sie dazu zu bewegen, die Hilfe anzunehmen. Es muss viel passieren, um die Zukunft der jungen Neusser zu sichern.