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Drogen in Neuss: Anwohner lassen ihre Kinder nicht mehr draußen spielen

Drogen: Drogen
Drogen: Drogen FOTO: Violetta Buciak/ privat
Exklusiv | Neuss. Heroin, Kokain und andere Drogen – Dinge, die man nicht in Neuss vermutet. Problemherde, die ganz weit weg zu sein scheinen. Doch sie finden direkt vor der Haustüre statt. Seit Jahren treffen sich Abhängige an der Augustinusstraße. Sie dealen, konsumieren Drogen und hinterlassen ihr Besteck, wie gebrauchte Spritzen, frei herumliegen. Die Utensilien gibt's öffentlich am Automaten für 50 Cent. Jetzt setzen sich die Nachbarn zur Wehr. Sie sorgen sich um ihre Kinder. Von Violetta Buciak

Es scheint ein ganz normaler, öffentlicher Hof im Herzen von Neuss zu sein. Hier könnten die Kinder geschützt von den Backsteinmauern verstecken spielen oder Grillfeste veranstaltet werden. Doch der Platz ist seit Jahren belegt. Es ist der Treffpunkt für Abhängige, Alleingelassene oder Flüchtlinge. Hier ertränken sie ihren Kummer in Alkohol, rauchen Hasch oder nehmen harte Drogen. Die gibt es beim Dealer vor Ort, am Hauptbahnhof oder auf anderen Wegen zu erwerben – das bestätigten zwei Männer dieser Szene gegenüber dem Stadt-Kurier. Ein Bild, das lange von der CDU-geführten Stadtspitze gebilligt wurde. Jetzt fordern die Bürger aus der Nachbarschaft ein Ende der zwielichtigen Machenschaften. Familie Ostrowska Kierpacz wohnt neben dem Hof, kann vom Balkon aus die Geschehnisse verfolgen. "Wir wussten nicht, dass es hier so zugeht, als wir uns vor drei Monaten für die Wohnung entschieden haben", so Katarzyna Ostrowska. Aufwändig renovierten sie und Lebensgefährte Rikardo Kierpacz die neue Bleibe, steckten ihre ganzen Ersparnisse hinein. Auch Töchter Mirjam (8) und Johanna (16) fühlten sich zuerst hier wohl. Doch jetzt trauen sich die beiden kaum vor die Haustüre. "Als ich einmal von der Schule nach Hause kam, beobachtete mich einer der Abhängigen die ganze Zeit. Ich habe mich bedroht gefühlt", gesteht die 16-Jährige. Und auch für Mirjam ist das Spielen im Freien vorerst tabu. "Sie wissen, wie Kinder sind. Nachher nimmt sie eine gebrauchte Spritze in die Hand und sticht sich daran. Das wollen wir nicht", so die besorgte Mutter.

Zwei Häuser weiter befindet sich die Drogenberatungsstelle für Jugendliche (drobs). Es ist ein Angebot der Stadt Neuss, das im vergangenen Jahr 589 Personen wahrgenommen haben – Tendenz steigend. Erschreckend: Die Zahl der intensiv Betreuten ist im Vergleich zum Vorjahr um 11,1 Prozent angestiegen. Was also läuft in Neuss schief, dass die Zahl der Abhängigen zunimmt? Eine Frage, die wohl selbst die Stadtspitze nicht beantworten kann. Zumindest wurden im September erste Maßnahmen auf den Weg gebracht, die für eine Besserung der Situation sorgen sollten. So säubern laut Bürgermeister Klienten der Jugend- und Drogenberatung im Rahmen des "Sauberkeits-Paten-Projekts" dreimal wöchentlich das Gelände, falls erforderlich.

Das Ordnungsamt führe in unregelmäßigen Abständen Kontrollgänge durch. Ein Rückschnitt der Bäume und Sträucher sollte den Bereich besser einsehbar machen.

Zu wenig, findet Familie Ostrowska Kierpacz, die weiter jeden Tag mit dem Anblick leben muss und kaum etwas von den Maßnahmen merkt.

(Kurier-Verlag)