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Ein Kaarster will Landrat werden: „Zeit für neue Köpfe und frische Konzepte“

Ein Kaarster will Landrat werden: „Zeit für neue Köpfe und frische Konzepte“
Der Wahlkampf hat begonnen: Der Kaarster Hans-Christian Markert möchte Bürger-Landrat des Rhein-Kreises Neuss werden. FOTO: Rolf Retzlaff
Rhein-Kreis Neuss. Er ist – wie er von sich selbst sagt – vom Geiste Willy Brandts geprägt, machte bereits mit 16 Jahren seine ersten politischen Erfahrungen – und jetzt kommt eine ganz besondere hinzu: Der in Kaarst wohnende Grüne Hans-Christian Markert MdL tritt bei der Landratswahl am 13. September als gemeinsamer Kandidat von SPD, Grünen, Linken, Piraten und Aktiven gegen Hans-Jürgen Petrauschke (CDU) an. Im Interview mit Redakteur Rolf Retzlaff erzählt er von Fünfer-Bündnissen, seinem Verständnis von einem Bürger-Landrat und seinen Zukunftsperspektiven für die Enkelgeneration.

Herr Markert, im Kaarster Stadtrat regiert ein Zusammenschluss fünf politischer Parteien (SPD, Grüne, FDP, UWG und Zentrum). Sie haben mit Christian Gaumitz einen Grünen als gemeinsamen Bürgermeister-Kandidaten ins Rennen geschickt. Ähnliches im Rhein-Kreis: Sie als Grüner kandidieren für den Posten des Landrats, sind ebenfalls von einem Fünfer-Bündnis ausgewählt worden. Ein Zufall – oder haben Sie sich vom Kaarster Modell inspirieren lassen?
Wenn eine Partei so lange die Mehrheit besitzt, müssen die andern Parteien kreativ werden. Wir haben die Strategie eines Parteienbündnisses schon vor längerer Zeit diskutiert. Natürlich bedeutet das mehr Koordinationsaufwand, aber es lohnt sich: Wir sammeln in einem Bündnis viele Ideen, die wir sonst nicht bekommen würden. Vielleicht sollte man die Demokratie in Deutschland lüften und öfter mal solche Bündnisse ausprobieren. Wechselnde Mehrheiten können sachbezogen sicher auch erfolgreich sein.
Ein Bündnis also als Reaktion auf die Politik der CDU?
Wir haben wie in Bayern auch im Rhein-Kreis eine Sondersituation. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs dominiert hier nur eine Partei. Der Rhein-Kreis gehört aber nicht der CDU – ebenso wenig wie Bayern der CSU. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr mitgenommen und bei der CDU entstehen aus dem Luxus der Betonmehrheiten heraus ja auch zunehmend interne Konflikte. Es wird Zeit für einen Wechsel, für neue Köpfe und frische Konzepte.
Was ist das für ein Gefühl, als gemeinsamer Kandidat von vier Parteien und einer Wählergemeinschaft anzutreten?
Ich spüre einen unglaublichen Rückenwind, bin mir aber auch des Vertrauensvorschusses bewusst. Schließlich kommt es nicht häufig vor, dass auch der "große Partner" den Kandidaten eines "kleinen Partners" akzeptiert. Gemeinsam sollen mithilfe meiner Person gewaltige Aufgaben im Rhein-Kreis bewältigt werden. Die Bereitschaft ist vorhanden, sich jenseits festgefahrener Parteigrenzen zu bewegen. Das mir entgegen gebrachte Vertrauen sehe ich als große Ehre und gewaltige Verpflichtung, aber auch als Anerkennung meines Engagements für die Menschen im Rhein-Kreis Neuss – etwa als Vorsitzender der erfolgreich abgeschlossenen Enquete-Kommission zur nachhaltigen Zukunft der Chemieindustrie.
Haben Sie keine Angst, Ihre Grüne Identität zu verlieren?
Sowohl Christian Gaumitz als auch ich treten als Kandidaten von fünf Parteien auf. Die eigene Parteimitgliedschaft tritt in den Hintergrund, ich gebe aber mein Parteibuch nicht ab. Bei der Aufstellung einer gemeinsamen inhaltlichen Plattform waren wir uns ohne politisches Klein-Klein schnell einig: vom notwendigen Strukturwandel und neuen Bildungsangeboten bis zu Barrierefreiheit, Freifunk in öffentlichen Gebäuden und einer wirklichen Willkommenskultur.
Jetzt die alles entscheidende Frage: Warum Markert statt Petrauschke?
Ich glaube, dass es dem Rhein-Kreis grundsätzlich gut tut, wenn es nach 40 Jahren erstmals einen demokratischen Wechsel verbunden mit einem personellen Angebot gibt. Ich setze mich für bürgerorientiertere Politik ein, möchte ein echter Bürger-Landrat sein. Bürgermeister und Landräte dürfen nicht hoch zu Ross durch die Lande reiten. Ich möchte eine würdigere Form von Demokratie verwirklichen mit mehr Einbeziehung der Bürger. Rund die Hälfte der Menschen geht nicht mehr zur Wahl, weil sie sich nicht mehr eingebunden fühlen. Ich möchte mehr Lust auf Demokratie machen. Der Ausdruck Demokratie kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Volksherrschaft" – da müssen die Menschen auch mitmachen dürfen! Wichtige Entscheidungen – etwa auch über einen möglichen Konverterstandort im Kreisgebiet – sollten nicht in Hinterzimmern, sondern mit den betroffenen Menschen und in den Stadträten und im Kreistag gefällt werden.
Apropos Kreistag: Warum sollte der Bürger am 13. September bei der Wahl des Landrats seine Stimme abgeben? Warum ist der Rhein-Kreis für Neuss und Kaarst wichtig? 
Der Kreistag besteht aus ehrenamtlichen Politikern, die einer großen Verwaltung gegenüber stehen. Mit dem Landrat können die Wählerinnen und Wähler nun den Chef dieser Verwaltung direkt wählen. Außerdem hat der Landrat eine Stimme im Kreistag. Sollte ich gewählt werden, hätte das unmittelbar Einfluss auf die Mehrheitsverhältnisse. Von daher hat diese Wahl eine große Wirkung. Und der Kreis hat viele Zuständigkeiten: Etwa Wirtschaftsförderung und Arbeitsmarktpolitik. Aber auch für Regionalplanung, Kreiskrankenhäuser, Förderschulen und vieles mehr.
Und wo setzen dabei neue Akzente?
Ich setze mich dafür ein, dass wir junge Menschen in der Region halten. Ein Heizungsinstallateur muss hier bei uns die Gelegenheit haben, neben dem Meister oder Techniker auch seinen Bachelor zu erwerben. Ich möchte deswegen eine staatliche Fachhochschule im Rhein-Kreis haben – gerne auch in Kaarst.
Ein weiteres Thema ist die Inklusion. Der Rhein-Kreis muss im Verbund mit den Kommunen Standards setzen, unter anderem bei der Barrierefreiheit für öffentliche Gebäude. Darüber hinaus gehört zur Inklusion natürlich noch viel mehr als bauliche Maßnahmen. Sie findet in den Köpfen der Leute statt. Der Kreis hat auch Einfluss auf Erreichbarkeit und Mobilität. Es ist schade, dass die Regiobahn nicht bis Venlo fährt; davon würden Neuss, Kaarst und der Rhein-Kreis erheblich profitieren. Zudem möchte ich den Erftverband und den Nordkanal-Verband endlich an einen Tisch holen, um die Entschlammung des Nordkanals zu erreichen. Es wäre schön, wenn hier wieder ein ökologisch funktionierendes Gewässer entstehen würde. Immerhin haben die Kaarsterinnen und Kaarster früher im Nordkanal schwimmen gelernt. Zurzeit hätten wir die Möglichkeit, den Schlamm aus dem Nordkanal günstig fachgerecht entsorgen zu lassen. Weiter liegt mir eine offene und tolerante Gesellschaft am Herzen. Menschen, die vor Kriegen fliehen müssen, sollten in den Stadtzentren untergebracht und nicht an den Stadtrand gedrängt werden. Dafür müssen wir eine Willkommenskultur schaffen...
...wie sie in Kaarst bereits herrscht.
Richtig! In Kaarst gibt es eine große Offenheit. Unerträglich hingegen sind braune Schmierereien wie in Dormagen; dafür darf es im Rhein-Kreis keinen Platz geben!
Als Landrat geht es Ihnen also auf einen Nenner gebracht...
...um die Schaffung einer nachhaltigen Zukunftsperspektive für den Rhein-Kreis – wirtschaftliche Verantwortung, soziale Sensibilität, ökologische Vernunft und mehr bürgerschaftliche Mitbestimmung und Transparenz.
Zum Abschluss eine Frage aus dem Reich der Rhein-Kreis-Märchen: Wenn Ihnen eine Fee drei Wünsche für unsere Region gewähren würde, was würden Sie sich wünschen?
Dass es uns gelingt, den Strukturwandel tatsächlich nachhaltig so hinzubekommen, dass auch unsere Kinder und Enkelkinder hier Ausbildungs- und Arbeitsplätze finden und gerne hier leben.
Dass wir einen Weg finden, wie alle Menschen, die hier leben, egal wo sie herkommen, sich wohl und beteiligt fühlen.
Dass der zur Demokratie gehörende Wechsel tatsächlich gelingt und frische Ideen Gehör finden!

Das Interview führte Rolf Retzlaff.