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Flüchtlingspolitik in Neuss: Chaotische Zustände, Helfern sind Hände gebunden

Flüchtlingspolitik in Neuss: Chaotische Zustände, Helfern sind Hände gebunden
Stephan Thönessen koordinierte bis zuletzt die Flüchtlingshilfe. Aus seiner Sicht läuft vieles schief. FOTO: Fotos: Violetta Buciak
Neuss. Freitag, 12.30 Uhr am Flüchtlingsheim in Selikum: Die Ehrenamtler Stephan Thönessen und Horst Meisel stehen bereit, wollen mit einer Gruppe der Asylbewerber zum Freitagsgebet in die Norfer Moschee. Doch dazu kommt es nicht. Grund: Das "Taschengeld", das am Vormittag ausgegeben werden sollte, ist bei den Bedürftigen noch nicht angekommen. Aus Angst, die Vergabe ganz zu verpassen, bleiben die Asylbewerber daheim – dabei haben sich viele auf die willkommene Ablenkung gefreut. Situationen wie diese häufen sich. Eine funktionierende Koordination ist wichtiger denn je. Von Violetta Buciak

Hinter den Kulissen der Neusser Flüchtlingsheime geht es derzeit chaotisch zu. Helfer stehen bereit, die Spendenbereitschaft ist groß – und doch sind den Freiwilligen oft die Hände oft gebunden. Sie wollen helfen, können es aber nicht. Bezeichnend ist dafür die Unterkunft in Selikum. In der ehemaligen Schule am Wildpark leben derzeit 250 Menschen, in den kommenden Tagen sollen 100 weitere dazu kommen. "Diesen Menschen stehen insgesamt zehn Duschen zur Verfügung. Fünf für Frauen und fünf für Männer. Da es sich aber um Gemeinschaftsduschen handelt, gehen die Bewohner immer nur einzeln unter die Dusche", erklärt Thönessen. Das sei Teil der Kultur – Dinge, die die Bewohner hierzulande nicht wissen können. Der ehrenamtliche Helfer will jetzt auf eigene Faust Bretter als Sichtschutz in die Duschen einbauen, sodass sich mehrere Personen gleichzeitig waschen können.

Der geplante Besuch zur Moschee fiel wegen Abstimmungsschwierigkeiten aus. FOTO: Violetta Buciak

Ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn damit sind die Probleme um die Flüchtlingshilfe in Neuss noch längst nicht gelöst. Noch immer seien viele Asylbewerber nicht registriert. "Das ist aber sehr wichtig, denn sonst sind sie hier illegal und können von der Polizei festgenommen werden", so Thönessen.

Schlimmer noch sei die Information, dass sich schutzlose Minderjährige allein im Selikumer Heim aufhalten sollen. Eine Nachricht, die sich durch einen Insider wie ein Lauffeuer in Selikum verbreitet hat. "Sollte sich das bewahrheiten, ist das ein Armutszeugnis für die Unterkunft. Die Kinder sollten dann schnellstens in eine sichere Obhut gebracht werden", so Thönessen.

Er versucht dort zu helfen, wo es ihm möglich ist. "60 Helfer stehen bereit, diese müssen allerdings zuerst ein Polizeiliches Zeugnis vorlegen, um aktiv zu werden. Erst dann wird ein Vertrag mit European Homecare abgeschlossen", so der Koordinator.

Auch die Einrichtung einer Kleiderkammer lief schleppend, in der Zwischenzeit konnten Spenden nicht mehr angenommen werden. Das sei jetzt anders. 3M schenkte 250 Kartons mit Spielsachen, Bekleidung und mehr. 35 Personen wurden bereits die Augen vermessen, sodass sie in den kommenden Tagen kostenlose Brillen erhalten. Die Norfer Moschee spendete 150 Gebetstücher und 60 Kopftücher. "Das reicht aber nicht", sagt Thönessen, "wir brauchen Raum für Begegnungen. Derzeit werden potenzielle Helfer am Zaun von der Security abgewiesen. Auch ein Plan fehlt", so der Koordinator.

Ein Spendenkarton von 3M. FOTO: Violetta Buciak

Bürgermeister Breuer verspricht indes besonderes Augenmerk auf die Situation zu legen. "Natürlich werde ich mir unverzüglich nach meinem Amtsantritt am 21. Oktober die bisher eingeleiteten sowie geplanten Maßnahmen und Vorhaben zur Flüchtlingsunterbringung und -Betreuung sehr genau ansehen und diese – soweit erforderlich – ergänzen oder auch korrigieren. Bisher liegen mir die für eine sachgerechte Entscheidung erforderlichen Informationen jedoch nicht vor. Dies gilt auch für die 27 von der Verwaltung bisher vorangetriebenen Standorte zu Unterbringung der Flüchtlinge, die natürlich grundsätzlich auch auf dem Prüfstand stehen", so der neu gewählte Bürgermeister.

Für Thönessen kommt die erhoffte Wendung zu spät: Er will sein Amt als Koordinator abgeben, hat die Geduld offenbar verloren.

(Kurier-Verlag)