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Frust: Rollstuhlfahrerin durfte nicht am Neusser Sommernachtslauf teilnehmen

Frust: Rollstuhlfahrerin durfte nicht am Neusser Sommernachtslauf teilnehmen
Beim 1.000-Meterlauf war eine Rollstuhlfahrerin dabei. Beim Fünf-Kilometer-Jedermannlauf waren diese ausgeschlossen – aus Sicherheitsgründen. Dafür rollte eine mannsgroße Duplofigur mit, diese wurde von den Veranstaltern zumindest sofort aus dem Feld gezogen.
Neuss. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung. 3.649 Teilnehmer waren bei der 35. Auflage des Neusser Sommernachtslaufs dabei. Einen Wermutstropfen aber gab es: Rollstuhlfahrer waren ausgeschlossen. Selbst beim Inklusionslauf war die Teilnahme nicht möglich. Von Violetta Buciak

"Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühle ich mich diskriminiert", so Bettina Nowag. Die 30-jährige Neusserin ist Rollstuhlfahrerin, hat mit ihrer Behinderung eigentlich kein Problem. Bei der Turngemeinde (TG) Neuss – Veranstalter des Großevents – ist Nowag Mitglied und sportlich aktiv. Daher war es für sie ein Anreiz, sich mit anderen Läufern beim Fünf-Kilometerlauf zu messen. "Ich wurde von Freunden, die alle nicht behindert sind, gefragt, ob ich mit ihnen in einer Gruppe laufen möchte und habe nicht lange gezögert", so die junge Frau.

"Da es um den Jedermannlauf ging dachte ich mir ,Jedermann? Da gehörst du wohl auch dazu.' Also nahm ich Kontakt zu den Veranstaltern auf", sagt Nowag. Dort gab es zunächst grünes Licht. Organisator Marc Hillen teilte mit, dass die einzige Bedingung sei, die Strecke in unter 60 Minuten zu schaffen, um den Zeitplan einzuhalten. Bei einem Test stoppte die Rollstuhlfahrerin die Zeit, kam auf knapp 34 Minuten. "Also meldete ich mich an und überwies auch gleich die Startgebühr. Ich war Feuer und Flamme und freute mich riesig auf den Lauf", so die Hobbysportlerin.

Zwei Tage vorm Start kam dann die große Ernüchterung mit einer E-Mail vom Geschäftsleiter der TG Neuss, Klaus Ehren, der mitteilte, dass die Teilnahme von Rollstuhlfahrern nicht möglich sei. Auch der Inklusionslauf sei lediglich für Menschen mit geistiger Behinderung gedacht. "Für mich ein Schlag ins Gesicht", gesteht Nowag. Auf Anfrage des Stadt-Kurier erklärt Mario Meyen, Vorsitzender der TG Neuss: "Wir bedauern das und können die Sportlerin sehr gut verstehen. Aus Sicherheitsgründen sind uns in diesem Fall jedoch die Hände gebunden." Demnach seien die Auflagen des Leichtathletikverbandes streng. So seien beispielsweise Höhenunterschiede auf dem Gelände auszugleichen, um die Gefahr von Unfällen zu minimieren. "Das wäre mit hohen Kosten verbunden, die wir nicht tragen können", sagt der Vorsitzende. Das Angebot, beim 1.000-Meterlauf teilzunehmen, lehnte Nowag ab. "Für mich leider keine sportliche Herausforderung. Ich hätte nicht überholen dürfen und nur ganz hinten starten können", so die Rollstuhlfahrerin.

Umso frustrierter war sie, als sie beim Jedermannlauf eine lebensgroße Duplofigur auf einer Sackkarre im Teilnehmerfeld erspähte. "Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen. Das tat weh. Ich bin ein Sicherheitsrisiko, eine Sackkarre aber nicht? Die Figur trug sogar eine eigene Startnummer", so Nowag. Vorsitzender Meyen erklärt: "Die Figur haben wir sofort aus dem Teilnehmerfeld gezogen. Hätte man uns im Vorfeld über die Aktion mit der Sackkarre informiert, hätten wir auch diese nicht erlauben können." Dennoch wurde sie am Ende für das beste Kostüm prämiert. Immerhin: Mit den Veranstaltern sei Nowag ins Gespräch gekommen. "Man hat mir versprochen, mich in die Planung fürs nächste Jahr einzubeziehen", so die Sportlerin.

 

(Kurier-Verlag)