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Verzweifelte Eltern und ihre Kinder lässt man im Regen stehen +++ Arno Jansen will helfen
Familienfreundliche Stadt: Junge Neusser fühlen sich von Politik im Stich gelassen

Junge Neusser fühlen sich von Politik im Stich gelassen
Kinder und Jugendliche kommen in Neuss häufig zu kurz – jedes fünfte Kind lebt an der Armutsgrenze, Mütter und Väter kämpfen darum, die Grundbedürfnisse ihrer Familien zu stillen. Hilfe gibt es wenig. Leider werden in Neuss jedes Jahr 300 Kinder abgetrieben. FOTO: Foto: wolla2 / pixelio.de
Neuss. Teure Schwimmbadbesuche, unverschämt hohe Kita-Gebühren, marode Spielplätze, teure Energie-Preise: Immer wieder stehen junge Familien in Neuss im Regen, ringen um Hilfe, die sie nicht bekommen (wir berichteten). Anstatt Lösungen auf den Weg zu bringen, geht es im Stadtrat zu wie in einem Klassenzimmer voll zankender Teenies... Von Frank Möll und Hanna Loll

Apropos Klassenzimmer: Aktuell kocht das Streitthema Sekundarschule wieder besonders auf. Auf der Stadt-Kurier-Facebookseite attackieren sich Sozialdemokraten und CDU/Grüne, was für Neusser Kinder und ihre Eltern nun besser sei – eine Gesamt- oder eine Sekundarschule. Doch anstatt zu argumentieren, streiten sich die Politiker nur darüber, welche Partei den Bürgerwillen nun mehr berücksichtige. Eltern stehen ratlos dazwischen, kommen nicht zu Wort.

Kein Kind zurücklassen

"Kein Kind zurücklassen" will das Projekt, das die Neusser SPD jetzt auch in der Quirinusstadt integrieren will – Kinder und ihre Familien lückenlos von der Geburt bis zum Eintritt ins Berufsleben zu unterstützen. So lautet die Devise. "Alle Kinder sollen die gleichen Chancen auf eine gute Zukunft haben. Wir dürfen kein Kind zurücklassen", erklärt dazu SPD-Fraktionsvorsitzender Arno Jansen.
"Die ,Erfolgsbilanz' des Programms ,Kein Kind zurücklassen': In Bielefeld, das hier als positives Beispiel erwähnt wird, ist die Zahl der Kinder, die von Hartz IV leben müssen, um mehr als 40 Prozent gestiegen. Tolle Maßnahme gegen Kinderarmut!", spottet CDU-Ratsherr Thomas Kaumanns auf Facebook.

Wie die meisten Neusser Lokalpolitiker hat SPD-Fraktionschef Arno Jansen selbst auch keine kleinen Kinder. Doch er sieht die Probleme in Neuss und kämpft dafür, dass vieles besser wird. FOTO: Susanne Dobler

Alle Parteien müssen liefern

Doch wo ist die "große Koalition der Vernunft", die etwas für Kinder und Familien und nicht nur für Jugendstil-Kunst (20 Millionen Euro und mehr Steuergelder standen zur Debatte) und teuren Epanchoir-Mumpitz (dieses unnütze Millionen-Loch am stinkenden Nordkanal) tut? In der Stadt des CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Gröhe, der gleichzeitig Bundesgesundheitsminister ist, gibt es keine Hebammen, die bereit sind, nach der Geburt zur Nachsorge zu kommen, weil ihnen die Bundespolitik bei ihrer teuren Versicherung nicht hilft. "Ein Riesenproblem", heißt es in den Kreißsälen beider Neusser Krankenhäuser. Frauenärzte sagen, dass Frauen und Kinder keine Lobby haben. Während für die "Männerkrankheit" Herz-Kreislauf genug Mittel zur Verfügung stehen, wird jetzt sogar bei wichtigen Krebsvorsorge-Maßnahmen rund um die Gebärmutter gespart und Impfungen nicht mehr bezahlt. Bundesgesundheitsminister Gröhe hat den Dialog mit einem Neusser Frauenarzt verärgert abgebrochen. CDU-Parteichef und Vizebürgermeister Dr. Jörg Geerlings konnte sich unangemeldet im Etienne-Krankenhaus ein Bild von der Lage machen und hat mit Hebammen gesprochen. Er versprach, Gröhe einzuschalten. 

Tiertafel ja, Baby-Hilfe nein

Denn obwohl es einen gesetzlichen Anspruch auf eine Hebamme gibt, finden Mütter in Neuss schlichtweg keine. Und: Kaum ein Kinderarzt in Neuss hat Termine frei. Eine Tiertafel gibt es aber schon noch in dieser einst gut-katholischen Stadt, in der jetzt ganz normale Hausärzte den Job der Kinderärzte übernehmen müssen, was schlichtweg lebensgefährlich ist, da es nicht ohne Grund fachlich ausgebildete Kinderärzte gibt.

Jedes fünfte Kind arm

Laut der Bundesagentur für Arbeit lebt in Neuss etwa jedes fünfte Kind an der Armutsgrenze. Mütter oder Väter können die Grundbedürfnisse nicht ohne Hilfe stillen – etwas zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf und Strom. Oftmals töten verzweifelte Mütter ihre Kinder im Mutterleib, weil sie schlichtweg zu arm sind und ihnen die Anlaufstellen nicht helfen, Anträge verschlampen und ihnen die Obdachlosigkeit droht. 300 Kinder pro Jahr (!) haben in Neuss nicht einmal die Chance, das Licht dieser Welt zu erblicken, weil sie abgetrieben werden. "Das ist eine Schande. Ich werde dafür kämpfen, dass das thematisiert wird", sagt der CDU-Parteivize Dr. Andreas Hamacher.

Endlich Gaspreis-Senkung

Auch dafür setzt sich Sozialdemokrat Jansen ein, hat er doch das Thema Gaspreise in die Gesellschaftsversammlung der Stadtwerke eingebracht und tatsächlich eine Senkung der Kosten erreichen können – ab 1. Dezember dieses Jahres kostet jede Kilowattstunde (kWh) vier Prozent weniger, was bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 20.000 kWh eine Ersparnis von rund 60 Euro ausmacht. Das verschafft Neusser Familien etwas Luft, ein Kinobesuch mit den Kindern ist drin oder die dicke Winterjacke, die sie unbedingt brauchen. 

300 Abtreibungen in Neuss

Wer sich mit Neusser Eltern über die Stadt unterhält, dem wird schnell klar: Hier herrscht kein gutes Klima für Jungfamilien, gerade Kinder und Jugendliche kommen häufig zu kurz und Eltern haben trotz angepasster Tabelle noch immer mit hohen Kita-Gebühren zu kämpfen. Was sich junge Familien in der Quirinusstadt noch wünschen und wie sie unter der aktuellen Situation leiden, verraten Leser auf Seite 6 der heutigen Printausgabe, auch nachzulesen unter http://www.stadt-kurier.de/e-paper/