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Unsere Reporterin sprach mit Syrern vor Ort
Kommen IS-Terroristen nach Neuss?

Unsere Reporterin sprach mit Syrern vor Ort: Kommen IS-Terroristen nach Neuss?
Unsere Reporterin sprach mit den Flüchtlingen vor Ort im Neusser "Alex". FOTO: Hanna Loll
Exklusiv | Neuss. Das ehemalige St. Alexius-Krankenhaus in Neuss muss zur Zeit einen riesigen Ansturm an Flüchtlingen bewältigen. Die Räumlichkeiten, Versorgung, Hygiene und das Zusammenleben verschlechtern sich dabei enorm. Die Spenden der Bürger bleiben auf der Strecke. Mimosa Fetahi (19) stammt aus dem Kosovo und hatte sich bereit erklärt, im "Alex" als ehernamtliche Helferin zu arbeiten. Sie wurde "vergessen", besuchte aber mehrfach ihre Bekannten im "Alex". Von Mimosa Fetahi

Vor dem ehemaligen Krankenhaus sammelt sich eine Gruppe von jungen Männern, Frauen und vielen kleinen Kindern. Man hört vermehrt arabisch, kurdisch, albanisch und afrikanisch. Viele von ihnen tragen Sandalen oder ausgelatschte Turnschuhe, obwohl es den ganzen Tag geregnet hat und bitter kalt ist. Ich schaue an mir selbst runter: Eine schwarze Jeans, meine dicke Winterjacke und meine Winterstiefel. Ich fühle mich schlecht neben den Menschen, vor allem neben den Kindern in dünnen Schlappen. Sie sind erschöpft, sitzen und liegen auf ihren Taschen und schmusen sich an ihre Mütter.

Hinter den Flüchtlingen stehen vier bis fünf Sicherheitsmänner, die jede fremde Person, die sich Eintritt verschaffen möchte, abwimmeln. Eintritt in das Flüchtlingsheim bekommen nur wenige. Die Eingangshalle ist gefüllt mit Asylbewerbern, die Reihe zur Anmeldung ist sehr lang.

Ein junger Kurde fällt mir sofort ins Auge. Er liegt auf seiner prall gefüllten kleinen Tasche und versucht in der lauten Menge zu schlafen. Er ist nicht älter als neun Jahre alt. Die Sicherheitsleute scheinen auch überfordert: "Wir sind total unterbesetzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, die letzten Tage auch nur eine Pause gehabt zu haben. Täglich kommen mehr als 150 Menschen. Wir haben kaum Platz zur Unterbringung", erklärt mir ein 50-jähriger Sicherheitsbeamte. Auf die Frage, ob es denn nicht genügend Leute gäbe, die helfen möchten, kommt die Antwort: "Doch. Es wollen viele helfen. Ich weiß nicht warum die Leitung diese nicht annimmt", erzählt er.

Sollte bei solch einer Unterbesetzung und Überforderung nicht jede Hilfe angenommen werden? Warum weigern sich die Leiter engagierte Ehrenamtler einzustellen? Auch ich möchte ehrenamtlich im Flüchtlingsheim tätig werden. Ich stelle mich kurz vor, meine Kontaktdaten werden notiert und am folgenden Montag soll sich jemand bei mir melden. Ich spreche fließend albanisch, englisch und deutsch. Bis heute kam kein Anruf. Keine Nachricht. Gar nichts.

Ich werde an den ganzen Flüchtlingen vorbeigeschoben, in den Fluren spielen Kinder Fußball mit allen Gegenständen, die sie finden können. Manchen von ihnen lässt sich sogar ein Lächeln entlocken, wenn einer es schafft, am anderen vorbei zu dribbeln. Draußen auf dem Hof versammelt sich eine Menschenmenge. Der Boden ist voll mit Matsch, vom Rasen ist kaum etwas zu sehen. Mittig steht eine kleine pinke Rutsche, die aussieht, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Ich schaue hoch. Aus den Fenstern hängt Wäsche, man kann kaum reinschauen. Es erinnert an ein Gefängnis, viele kleine Fenster, viele Menschen, Enge und ein Hauch von Hoffnungslosigkeit liegt in der Luft.

Ein afrikanischer Mann lässt von seinem Handy seine Volksmusik spielen, doch trotzdem schweigen sich alle an. Ich treffe einen syrischen Flüchtling, der fließend Englisch spricht. Der 23-jährige Abdallah hat Pharmazie in seiner syrischen Heimat studiert. Er ist ohne Familie nach Deutschland geflüchtet: "Von der Türkei aus nahmen wir ein kleines Boot nach Griechenland. Mit 43 Mann waren wir doppelt so viele an Bord als erlaubt, aber wenn du verzweifelt bist, nimmst du alles auf dich. Die Griechen haben uns gut empfangen, mit Essen und Jacken. In Serbien das komplette Gegenteil, aber ich nehme es ihnen nicht übel. Meine fünf Schwestern und meine Eltern konnten nicht mit. Es war zu gefährlich. Wir hatten ein Unternehmen in Syrien, das jetzt nur noch in Trümmern liegt."

Ich frage ihn nach dem Alltag in Syrien und Abdallah sagt: "Syrien besteht nur noch aus Schutt und Asche. Die Menschen können zwei Wochen lang nicht duschen, weil es kein Strom und kein Wasser gibt. Manchmal nach zwei Wochen gibt es Strom und Wasser für zwei bis vier Stunden. Vor dem Krieg war das alles anders, da konnte man das Haus ohne Sorge verlassen. Die Angst ist heute ein ständiger Begleiter, du bist in keiner syrischen Stadt mehr sicher vor dem Terror-IS."

Ich möchte mehr von den syrischen Flüchtlingen erfahren und erzähle ihm, dass es Bürger gibt die Angst haben, es könnten sich Terroristen zwischen den Asylsuchenden verstecken. Abdallah sagt: "Ich kenne keinen einzigen syrischen Terroristen. Alle Terroristen, die ich in Syrien gesehen habe, kamen aus Europa und aus Amerika. Sie unterhalten sich untereinander auf englisch, weil sie nicht arabisch sprechen können. Wir sind Moslems und leben den richtigen Islam. Bei uns ist es die größte Sünde, einem Menschen das Leben zu nehmen. Ich würde nicht einmal den Mörder meines Bruders umbringen. Wahre Moslems würden niemals Menschen töten, weder in Syrien noch in Deutschland." Von mehreren Flüchtlingen wird das Security Personal aber auch gelobt. Abdallah und sein persischer Freund Amon, erzählen mir: "Die Security Männer sind nett und helfen einem, wo es nur geht. Man merkt, dass viele Mitarbeiter darum bemüht sind, uns einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglich. Wir sind wirklich dankbar dafür."

Abdallah und ich setzen uns vor das Auffanglager und der junge Syrer beschwert sich über die Vergabe der Spenden: "Ich sehe oft deutsche Bürger, die Klamotten mitbringen um sie zu spenden. Wir sind ihnen wirklich dankbar für die Hilfe. Leider kommt von den Spenden nicht viel an. Wir wissen, dass es im Keller einen Haufen gespendeter Klamotten gibt. Ein Freund von mir hat dort für einen Euro die Stunde Klamotten gefaltet. Ich hab all diese Spenden gesehen und sie sind in einem super Zustand. Ich frage mich, warum diese Spenden nicht im Spendenraum ausgeteilt werden, denn dort liegen nur die schlechten Kleidungsstücke."

Ich schaue mir den Spendenraum an. Viele Kleidungsstücke sind nicht gewaschen und extrem alt. Es muffelt. Zum Spendenraum im Keller möchte mir keiner Zutritt verschaffen. Gespendete Klamotten sollten immer bei den Bedürftigen landen, warum wird den Flüchtlingen etwas vorenthalten?

Ursprünglich sollte das Flüchtlingsheim als Auffanglager dienen. Höchstens zwei bis drei Wochen sollten sich die Flüchtlinge hier aufhalten, doch Abdallah lebt bereits seit 40 Tagen hier, sein Freund Amon seit 35. "Wir warten beide auf unseren Transfer. Ich weiß wirklich nicht, was hier mit uns geschieht oder wo es mit uns hingehen soll. Uns kann keiner genaueres sagen, das ist das schlimmste", sagt Abdallahs Freund in fließendem englisch. Er heißt Amon und ist 25 Jahre alt und wegen politischer Verfolgung aus dem Iran geflohen. Amon berichtet mir: "Abdallah, die anderen und ich wollen unbedingt die deutsche Sprache lernen. Ohne die Sprache sprechen zu können, können wir keine Kontakte knüpfen. Niemand versteht die Dokumente, die uns gegeben werden. Wir würden wirklich gerne einen Deutschkurs besuchen".

Die Flüchtlinge haben kaum Geld. Ein wenig schon. "Ich kaufe mir Essen davon, denn das Essen ist hier schrecklich. Es sind kleine Portionen und auch wenn man sich Nachschub holt, reicht es nicht. Letztens haben wir mittags nur einen einzigen Hot Dog bekommen und durften uns keinen Nachschub holen. Wer wird davon satt?"

Das Taschengeld dient zur Erfüllung von persönlichen Bedürfnissen. Für die Unterkunft und Verpflegung soll in der Erstunterbringung gesorgt werden. Abdallah sieht sich gezwungen, sein Geld für Nahrungsmittel auszugeben, weil die Verpflegung "einfach nicht reicht".

Ich bin traurig und habe großen Respekt vor dem syrischen Flüchtling. Ich stelle mir vor, mit 23 Jahren meine Familie im Krieg verlassen zu müssen und mich auf den Weg in ein fremdes Land zu machen. Ich verabschiede mich von Abdallah und gehe in Richtung Auto. Kurz bevor ich einsteige, höre ich meinen Namen, ich drehe mich um und er steht noch mal vor mir. Er fragt mich, ob ich ihm eine Frage beantworten könnte: "Vor einigen Wochen haben sich ein paar Marokkaner geschlagen. Uns wurde erzählt, dass sie sich mit deutschen Bürgern während der Neusser Kirmes gestritten, geschlagen und mit Glasflaschen rumgeworfen haben. Die Polizei hat sie daraufhin abgeholt und zurück zu uns ins Auffangheim gebracht. Warum macht die Polizei so etwas? Warum bringen sie die zurück zu uns und nicht wenigstens für eine Nacht ins Gefängnis? Die anderen und ich möchten mit solchen Leuten nichts zu tun haben. Hier leben Kinder. Ich bin hier um in Frieden zu leben. Ich möchte solche Leute nicht um mich haben und die anderen auch nicht. Es kommt hier in letzter Zeit immer öfter zu Polizeieinsätzen und auch hier kommt es immer wieder zu Diskussionen und zu Schlägereien."

Ich kann Abdallah keine Antwort auf diese Frage geben. Ich schaue wieder an mir runter und sehe meine schwarze Jeans, dicke Winterjacke und warmen Stiefel. Ich fühle mich immer noch schlecht. Ich steige ins Auto.

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