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Leichtfertiges Bäumefällen in Neuss geht weiter: 100 Jahre alte Eiche abgesägt

Leichtfertiges Bäumefällen in Neuss geht weiter: 100 Jahre alte Eiche abgesägt
Christa Baretta kann nicht fassen, dass ihre Eiche gefällt wurde. FOTO: Violetta Buciak
Gnadental. Nachdem am Freithof gesunde Platanen und in Gnadental eine majestätische Buche abgesägt wurden, geht das Bäumefällen in Neuss weiter. Und das gerade jetzt, wo die Brutzeit angefangen hat. Ziel diesmal: rund 40 Bäume in der Gartenkolonie am Römerlager. Für Christa Baretta ein Schlag ins Gesicht. „Ich fühle mich, als wäre ein Familienmitglied verstorben“, klagt die 63-Jährige. Von Violetta Buciak

Von der rund 100 Jahre alten Buche vor ihrem angemieteten Gartengrundstück ist nichts mehr übrig geblieben. Seit Baretta in den 90ern hier ihr zweites Zuhause hat, prägte der rund 15 Meter hohe Baum die Umgebung. „Er spendete Kraft und Trost, ich habe ihn einfach ins Herz geschlossen“, klagt die Naturfreundin. „Dabei wurde mir von den Mitarbeitern der Firma Lamers Baumdienst GmbH zugesichert, dass diese Eiche auf keinen Fall gefällt werden sollte. In diesen Bäumen haben auch Vögel genistet, das tun sie hier überall“, erklärt die 63-Jährige. Zwei Tage später setzten die Arbeiter doch die Säge an – als Baretta das bemerkte, waren sie schon zugange. „Ich habe mich dann dazwischengeworfen, damit sie aufhören. Aber sie haben einfach ohne Rücksicht auf Verluste weitergemacht, obwohl mir dabei die Äste auf den Kopf fielen“, beschwert sich Baretta.

Auf Anfrage, warum der offenbar vollkommen intakte Baum gefällt wurde, äußerte sich Betriebsleiter und Diplom-Forstingenieur Jan Tiemann: „Es musste wohl schnell gehen, da die Bäume krank waren“, so das knappe Statement. Verdächtig: Alle abgesägten Bäume wurden auf einem Haufen auf dem anliegenden Feld gestapelt. Nur die intakte Eiche der Barettas wurde zugeschnitten und auf einem Lkw abtransportiert. „Ich schätze dafür gibt es gutes Geld“, mutmaßt die verärgerte Gartenmieterin. Auch Bürgermeister Napp fasst sich auf Anfrage kurz: „In der Kleingartenanlage Am Römerlager werden derzeit noch Schäden vom Pfingststurm Ela beseitigt. Da rund 40 Bäume nicht mehr standsicher sind, müssen diese gefällt werden. Im Anschluss werden in weiteren Bäumen noch Kronen zurückgeschnitten.“ Auf die Frage, warum mitten in der Brutzeit gefällt werden darf, antwortet Napp: „In gärtnerisch genutzten Anlagen dürfen die Arbeiten ganzjährig erfolgen, insbesondere wenn Gefährdung von Personen nicht ausgeschlossen werden kann.“ Michael Ziege, stellvertretender Vorsitzender der SPD und langjähriges Mitglied der Baum

kommission, ist entsetzt:

„Wenn Vögel bereits in den Bäumen genistet haben, ist das Fällen nicht oder nur mit spezieller Sondergenehmigung gestattet. Zudem verstehe ich nicht, warum die Sturmschäden gerade jetzt, mitten in der Brutzeit, entfernt werden müssen. Der Sturm liegt rund ein Jahr zurück“, kritisiert der 28-Jährige. Ihm nach seien die Sturmbeseitigungen ohnehin zu sehr in die Länge gezogen worden. „Das Grünflächenamt ist überlastet, kann sich nicht mehr um seine Kernaufgaben kümmern. Es hätten externe Kräfte engagiert werden müssen, so wie es Düsseldorf vorgemacht hat“, bemängelt Ziege. Er will das leichtfertige Bäumefällen im kommenden Umweltausschuss am 16. Juni thematisieren. Zurückholen wird er die gefällten Bäume nicht, vielleicht aber Eiche und Co. in Zukunft vor der Kettensäge besser schützen.

(Kurier-Verlag)