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Nordstadtkirchen: Jetzt muss eine Entscheidung fallen

Nordstadtkirchen: Jetzt muss eine Entscheidung fallen
Auf der Gemeindeversammlung in der Versöhnungskirche lieferte das Presbyterium einen umfangreichen Sachstandsbericht ab. FOTO: Foto: Rolf Retzlaff
Nordstadt. Welche der beiden evangelischen Gemeindezentren in der Nordstadt (Versöhnungskirche Furtherhofstraße, Reformationskirche Berliner Platz) soll aufgegeben werden? Oder ist sogar ein Neubau und das Abstoßen beider Kirchen ratsam? Wer erwartet hatte, Antworten auf diese Fragen im Rahmen der Gemeindeversammlung am vergangenen Sonntag zu erhalten, wurde enttäuscht. Das Presbyterium präsentierte einen Sachstandsbericht mit dem Ergebnis, dass es kein eindeutiges Votum für eines der drei Szenarien gebe. Von Rolf Retzlaff

Die Steuerungsgruppe um Jörg Nehr hatte mit Jörg Beste einen externen Experten eingeschaltet. Beste ist Architektur, Stadtplaner und Theologe und verfügt über Erfahrung bei Neuorientierungsprozessen von Kirchen. Doch auch er konnte kein Licht ins Dunkel bringen. Nach Auswertung eines Kriterienkatalogs, der unter anderem die städtebaulichen, emotionalen und organisatorischen Qualitäten der drei Szenarien beleuchtete, stand fest: „Es gibt keinen eindeutigen Sieger“, so Beste. Lediglich für den Neubau im Bereich des Nordbads spreche weniger als für den Erhalt eines der beiden Zentren.

Immerhin schon mal eine Erkenntnis, der Manfred Olechnowitz, ehemaliger Leiter des Gemeindeamtes, nicht folgen wollte. Er stellte einen Antrag, noch einmal genaustens zu prüfen, ob man nicht beide Zentren erhalten könne. Er schlug unter anderem eine Wohnbebauung an der Versöhnungskirche vor, die für Mieteinnahmen sorgen könnte. Auch sei die Vermietung von Räumen für Festlichkeiten denkbar. „Die Nähe zur Gemeinde wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger, und gerade die ältere Generation drohen wir bei der Aufgabe eines Gemeindezentrums zu verlieren“, machte er deutlich, „zudem sollten wir in Zeiten wie diesen die Zeichen katholischer und evangelischer Kirche nicht aufgeben.“

Wie leidenschaftlich Olechnowitz seinen Antrag auch begründet hatte – er wird wohl kaum Aussicht auf Erfolg haben. „Sollten wir beide Zentren erhalten, würde das Presbyterium seiner Verantwortung gegenüber der Gemeinde nicht gerecht werden“, verwies Jörg Nehr auf einen steigen Rückgang der Gemeindemitgliederzahlen. „Jedes Jahr werden mehr Menschen in unserer Gemeinde bestattet als getauft, es gibt mehr Austritte als Aufnahmen.“ Zudem wachse der Anteil der über 65-Jährigen laut städtischer Prognose bis 2030 um rund 15 Prozent, alle anderen Altersgruppen schrumpfen – und gerade die zahlen Kirchensteuer.

Weniger Einnahmen und höhere Ausgaben – das wäre laut Presbyterium die Aussicht bei Erhalt der derzeitigen Situation. Die Kirchen wurden in den 1960er Jahren gebaut, an beiden Standorten herrscht Renovierungsstau. „Tatsache ist: Sollten wir uns für ein Gemeindezentrum entscheiden, wird hier etwas Neues entstehen. Der Standort würde auf jeden Fall komplett saniert werden“, so Nehr.

Konkrete Aussprachen für oder gegen einen der Standorte gab es auf der Gemeindeversammlung kaum. Eine Ausnahme machte Petra Zimmer, Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte „Wirbelwind“. Am Kott-hauserweg gelegen findet diese Einrichtung zurzeit noch Kontakt zur Gemeinde über die Reformationskirche; sollte diese aufgegeben werden, ist es dem engagierten Kita-Team nur noch schwer möglich, aktiv am Gemeindeleben teil zu nehmen. Die Versöhnungskirche wäre einfach zu weit weg – für die Kinder eine kaum zu bewältigende Strecke. Ein Neubau am Nordbad wäre für den „Wirbelwind“ die beste Lösung.

Jetzt ist das Presbyterium gefragt: Wann genau die Entscheidung fallen soll, steht noch nicht fest. Nehr: „Wir werden in unserer nächsten Sitzung die Rückmeldungen und Fragen auswerten.“

(Kurier-Verlag)