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Preishammer bei den Friedhofsgebühren: Werden Urnengräber 70 Prozent teurer?

Preishammer bei den Friedhofsgebühren: Werden Urnengräber 70 Prozent teurer?
Immer mehr Neusser wählen die Urnenbestattung. Die Stadt will diesen Trend stoppen und sie teuerer machen. „Unsozial“, findet Vincent Cziesla. FOTO: Fotos: Paul-Georg Meiste / pixelio.de
Neuss. Die Anpassung der Friedhofsgebühren in Neuss könnte besonders die sozial Schwachen hart treffen. Denn Urnengräber drohen deutlich teurer zu werden als von der Verwaltung prognostiziert. Vincent Cziesla von den Linken befürchtet eine Preissteigerung von 70 bis zu 100 Prozent statt der veranschlagten neun Prozent. Von Violetta Buciak

Schuld daran sei die Einführung des Kölner Modells, das die Verwaltung vorschlägt. Dabei werden die Unterhaltungskosten nicht nach der gebrauchten Fläche, sondern nach der Anzahl der Nutzungen umgelegt. So soll der Tatsache vorgebeugt werden, dass immer mehr Neusser sich für Urnen statt für den Sarg entscheiden. 51,7 Prozent der Bestattungen in Neuss waren 2016 Urnenbeisetzungen. Im Jahr 1999 waren es lediglich 23,83 Prozent.

Grund dafür sind mitunter die geringeren Kosten im Vergleich zur Erdbestattung. Bei der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses warnte Umweltdezernent Matthias Welpmann vor dieser Entwicklung: "Die städtischen Friedhöfe müssen hier ansetzen und die großen Gebührenunterschiede anpassen, um einer ,Wanderung' von der einen zur anderen Bestattungsart vorzubeugen. Ansonsten drohen große Leerstände und damit verbundene Verluste." Doch die Linken befürchten, dass diese Anpassung den Bürgern teuer zu stehen kommen wird. "Im benachbarten Grevenbroich gab es durch das gleiche Modell eine Preissteigerung von 693 zu 1.489 Euro bei der Urnenbestattung. Das ist hochgradig unsozial", warnt Cziesla. Eine Erhöhung von satten 114 Prozent.

Und bei den Berechnungen mit den Neusser Zahlen sehen er und seine Parteikollegen ebenfalls schwarz. "Wenn wir die Formel aus dem Kölner Modell anwenden, kommen wir überschlagen auf eine Preissteigerung von 70 bis 100 Prozent. Denn alle Grabarten werden zunächst mit dem gleichen Sockelbetrag berechnet, nur die teueren Wahlgräber werden dann etwas günstiger", so der Ratsherr. Auf Anfrage des Stadt-Kuriers will das Presseamt der Stadt Neuss diese Ergebnisse nicht bestätigen, nennt aber auch keine alternativen Preise. Hierfür sei die "systematische Erfassung umfassender betriebswirtschaftlicher Kennzahlen" erforderlich. "Ein solcher Prozess nimmt notwendigerweise mehrere Monate in Anspruch", so Pressesprecher Michael Kloppenburg.

Bereits bei der Sitzung des Umweltausschusses kritisierte Judith Kauf (Die Linke) die fehlenden Zahlen und bat um Vertagung des Punktes: "Wir haben erheblichen Beratungsbedarf." Ihr Vorstoß wurde jedoch abgelehnt, die Mehrheit stimmte für das Kölner Modell. Auf Vorschlag von Ingrid Schäfer (CDU) wird die Verwaltung zumindest mit der Vorlage der neuen Friedhofsgebührenordnung einen Vergleich mit umliegenden Kommunen präsentieren – das wird vermutlich erst im November passieren. Die Linken-Fraktion hat dagegen einen neuen Vorschlag: "Statt der extremen Preiserhöhung der günstigen Bestattungsformen, sollten Rat und Verwaltung darüber nachdenken, eine moderate Steigerung auf alle Gräber einzuführen. Laut unseren Berechnungen reichen schon drei Prozent aus, die Kosten zu decken", schlägt Cziesla vor. Aber die Zeit eilt – die neue Gebührenordnung soll bereits am 1. Januar 2018 in Kraft treten.

 

(Kurier-Verlag)