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Nachruf
Rumänienhilfe trauert um Wolfgang Kriesemer

Rumänienhilfe trauert um Wolfgang Kriesemer
Wolfgang Kriesemer, Gründer und Motor der Neusser Rumänienhilfe, ist am vergangenen Donnerstag verstorben. FOTO: Bernhard Wehres
Neuss. Wolfgang Kriesemer, Gründer und Motor der Neusser Rumänienhilfe, ist am vergangenen Donnerstag im Alter von 78 Jahren im Kreis seiner Familie verstorben. Von Bernhard Wehres

Seit seinem ersten Besuch in Rumänien im Jahr 1993 – damals im Auftrag der Staatskanzlei Düsseldorf und von Minister Wolfgang Clement in den Kreis Arad geschickt, um eine Lehrwerkstatt für Tischler aufzubauen – ließ ihn das Schicksal und Leid der armen Menschen, allen voran der Kinder, in Santana und Umgebung nicht mehr los. Er sammelte 24 Jahre lang Sach- und Geldspenden, Weihnachtspäckchen und Mitstreiter in Neuss und Santana, die ihn bei "seiner Aktion" unterstützten.

Dieses Sammeln – oder "Kötten" wie der Rheinländer sagt – konnte er wie kein anderer. Damit er und alle, die ihm Sachspenden und Gelder anvertrauten, sicher sein konnten, dass alles auch da ankommt, wo es benötigt wird, flog Kriesemer mehrmals im Jahr den Transporten auf eigene Kosten hinterher, kümmerte sich mit um die Verteilung und nahm neue "Baustellen" mit nach Hause, die ihm fortan keine Ruhe ließen, bis er eine gute Lösung gefunden hatte.

Dabei lag ihm stets einfache und unbürokratische Hilfe am Herzen – was ihm vor allem in den Anfangsjahren die ein oder andere Auseinandersetzung mit rumänischen Behörden beschert hat. Ein paar Beispiele solcher kreativen Lösungen: Die Kinder in den Kinderheimen konnten nicht einmal wöchentlich die Unterwäsche wechseln! Kriesemers Lösung: Drei große Ballen Stoff und drei Nähmaschinen brachte er beim nächsten Besuch mit, damit vor Ort das Nötigste für die Kinder hergestellt werden konnte.

Wolfgang Kriesemer in Rumänien. FOTO: privat

Kinder, die fürs Kinderheim "zu alt" waren, wurden einfach auf die Straße geschickt, auch um die Statistik zu schönen. Kriesemer kaufte Grundstücke und baute Häuser für diese Jugendlichen, die dort in großen "Pflegefamilien" leben konnten (erst vom rumänischen Staat äußerst kritisch gesehen, später wurde sogar das Gesetz geändert, um solche Wohnformen zu erlauben).

Die Kinder und Erwachsenen hatten keine oder höchstens sehr kaputte Schuhe. Kriesemer überzeugte eine große deutsche Schuh-Kette, ihm Retour-Ware zu überlassen. Palettenweise Schuhe konnten über Jahre nach Arad gebracht werden – bis die Firma selbst Filialen in Rumänien eröffnete. Das ein oder andere Paar Schuhe konnte zudem Zöllnerinnen davon "überzeugen", die dringend notwendigen Hilfsgüter (darunter neben Kleidung vielfach auch Lebensmittel, Maschinen und medizinische Produkte) freizugeben.

Viele Kinder erhalten zu Weihnachten nicht mal ein kleines Geschenk. Er rief Schulen und Kindergärten in Neuss und Umgebung dazu auf, Weihnachtspäckchen für Kinder in Rumänien zu packen – mit jährlich steigendem Erfolg: Vor anderthalb Wochen sind deutlich über 7.000 Päckchen zusammengekommen und am Anfang vergangener Woche auf den Weg nach Rumänien geschickt worden.

Wolfgang Kriesemer gemeinsam mit Fritz Becker im November bei den Vorbereitungen zum "Weihnachtspäckchen-Berg-Besichtigungsfest". FOTO: Hanna Loll

Für seinen unermüdlichen Einsatz für die Menschen in Rumänien wurde Kriesemer zu Recht mehrfach ausgezeichnet, unter anderem vor drei Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz und der Ernennung zum Ehrenbürger von Santana. Viel wichtiger als dies war ihm aber immer, dass er Kindern und Jugendlichen eine Perspektive eröffnen konnte – von den strahlenden Kinderaugen und teilweise zu Tränen gerührten Menschen hat er oft erzählt.

Auch wenn es seine Gesundheit nicht immer gut mit ihm meinte, ließ er sich davon keineswegs abhalten – noch in diesem Jahr war er mit Rollator, einem künstlichen Hüftgelenk, vier Bypässen und einem nach einem Herzinfarkt implantierten Defibrillator sowie gesundheitlich angeschlagen durch sein Krebsleiden in Sanatana.

Er musste erkennen, dass auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Ostblocks die Hilfe für die Menschen in Rumänien dringend notwendig ist. Daher war es ihm ein wichtiges Anliegen in den letzten Monaten, einen Nachfolger zu finden. Mit Stefan Hüttermann hat er einen engagierten Neusser gefunden, der zusammen mit alten und neuen Helfern seine Arbeit fortsetzen möchte. Kriesemers Freude darüber war beim "Weihnachtspäckchen-Berg-Besichtigungsfest" deutlich zu spüren, als er seinen Nachfolger sichtlich bewegt vorstellen konnte. Erste Kontakte mit den wichtigsten Akteuren aus Rumänien konnten gleichzeitig geknüpft werden, denn die Dolmetscherin Ana Ilica und Pfarrer Aurel Ardeu waren zum Fest als Ehrengäste gekommen.

Zusammen mit den vielen Kindern und Erwachsenen, die dank seiner Hilfsaktion positiver in die Zukunft blicken können, bleibt der Rumänienhilfe nur zu sagen: Danke, Wolfgang!