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Vorbild: Syrerin lernt in sechs Monaten fließend deutsch

Vorbild: Syrerin lernt in sechs Monaten fließend deutsch
Delber Ibrahim (hinten Mitte) ist auf dem besten Weg, die Karriereleiter zu erklimmen. Ihre Schwestern Lorin (links) und Olin (rechts) hatten keinen so guten Start. Mit auf dem FOTO: Mutter Hassam Hassam (vorne rechts) und Stadtverordnete Waltraud Beyen.
Neuss. Sie ist ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration. Die Syrerin Delber Ibrahim lebt seit rund drei Jahren in Neuss, innerhalb von nur sechs Monaten sprach die 20-Jährige fließend deutsch, schloss ihr Abitur mit Bravour ab. Jetzt will die ehrgeizige Frau Medizin studieren. Wie wichtig für sie das richtige Bildungssystem war, zeigt der Werdegang ihrer Geschwister. Denn die können längst nicht an Delbers Erfolge anknüpfen. Von Violetta Buciak

Der Krieg in Syrien zwang Millionen Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Auch Delber floh aus Angst um ihr Leben. Sie folgte ihrer Mutter Hassam Hassam und ihren drei Geschwistern, die bereits ein Jahr vor ihr nach Deutschland reisten. Mit 17 Jahren wagte sie allein den Weg in die Sicherheit – in einem Gemüselaster, der Vater blieb zurück. Die Entscheidung bereut die inzwischen 20-Jährige nicht, auch wenn sie eine schwere Zeit durchmachen musste.

"In der Schule wurde ich anfangs oft ausgelacht, man hat mich gemobbt", erinnert sich die Syrerin. Inzwischen hat sie sich eingelebt, hat große Ziele. Und die Türen stehen ihr offen: Delber spricht fast akzentfrei deutsch, hat sehr gute Noten, besonders in naturwissenschaftlichen Fächern. "Das liegt klar an dem Sonderprojekt, an dem sie teilnehmen durfte", ist sich Stadtverordnete Waltraud Beyen sicher. Die Norfer Kümmerin hat ein Auge auf die syrische Familie, hilft bei Behördengängen und den Tücken der deutschen Bürokratie.

Delber konnte dank guter Zeugnisse gleich auf das Quirinusgymnasium gehen, besuchte nachmittags Intensiv-Sprachkurse und wurde zunächst eine Klasse zurückgestuft, um sie nicht gleich zu überfordern.

Anders erging es Delber Geschwistern: Olin (13) kam zunächst auf die Grundschule, während Lorin (17) und Delowen (18) ohne Test und ohne Sichtung der Zeugnisse auf die Hauptschule geschickt wurden. "Ein großer Fehler", wie Beyen findet.

Denn hier seien viele Mitschüler demotiviert, "Problemfälle", die kein gutes Beispiel für Flüchtlinge seien. Bis heute kämpfen Delbers Geschwister, allen voran Bruder Delowen, mit dieser Zuweisung. Noch immer spricht der 18-Jährige gebrochenes deutsch, Freunde hat er keine. In Syrien sah das noch anders aus, Probleme in der Schule hatte der junge Mann nie. "Solche Problemfälle müssen sofort erkannt und behoben werden. Am wichtigsten ist die Sprache, das wird an Delbers Beispiel ganz deutlich", erklärt Beyen.

Nachdem die 20-Jährige ihr arabisches Abitur in Bonn mit einem Schnitt von 1,5 abgeschlossen hat, wird sie in Metting ein Studienkolleg besuchen. Dann will sich die junge Frau für ein Medizinstudium einschreiben und später als Ärztin vielen Menschen helfen.

(Kurier-Verlag)