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Wird Eltern das Leben schwer gemacht? Stadt-Kurier-Redakteurin Julia Schäfer über ihre Erfahrungen als Mutter

Wird Eltern das Leben schwer gemacht? Stadt-Kurier-Redakteurin Julia Schäfer über ihre Erf
Auf dem Land sieht die Welt für junge Familien noch rosig aus – in der Stadt sieht das Ganze leider anders aus. Erft-Kurier-Redakteurin Julia Schäfer berichtet aus ihrem Leben als Mutter und fordert von der Stadt mehr Hilfe für Familien. FOTO: Foto: privat
Neuss. Als Mama sieht man die Welt (und seine Stadt) mit anderen Augen. Als unser erster Sohn vor zwei Jahren auf die Welt gekommen ist, fand ich mich plötzlich mit ganz neuen Problemen konfrontiert – und war erschrocken, wie wenig Unterstützung es für Familien gibt. Von Julia Schäfer

Es geht ja schon beim ganzen Formularkrieg los. Ich habe ein abgeschlossenes Studium und hatte das Gefühl, dass ich das manchmal brauche, um alles korrekt auszufüllen, um Kindergeld, Elterngeld und Co zu beziehen. Wie machen das Leute, die Deutsch nicht als Muttersprache haben oder sich überfordert fühlen, wenn nicht direkt verständlich ist, was von einem verlangt wird? Viel Hilfe gibt es nicht. Ich wollte mich mal bei der Elterngeldstelle informieren lassen. Eine Sprechstunde würde es nicht geben, wurde mir am Telefon unhöflich erklärt und ich solle auch nicht einfach vorbei kommen. Stattdessen wurde mir eine Broschüre zugeschickt. Also noch mehr Papier und keine individuellen Antworten… Vielen Dank auch!

In meiner Naivität habe ich übrigens gedacht, dass es wohl genug Kinderärzte geben wird und wir die freie Auswahl haben. Von wegen! Viele Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf. In anderen sind lange Wartezeiten (auch mit Termin) an der Tagesordnung. Bei unserem Versuch, einen Neusser Kinderarzt zu finden, sind wir bei einem Exemplar gelandet, das mehr mit sich selbst beschäftigt war als mi unserem frisch geborenen Sohn. Dabei sollte doch der kleine Patient die Hauptrolle spielen. Ja, ich erwarte, dass auch ein kleiner Säugling erstmal vom Arzt begrüßt und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird. Wenn man sich als Patient wie am Fließband behandelt vorkommt, läuft doch was falsch. Unsere Konsequenz: Wir fahren jedes Mal zum Kinderarzt nach Mönchengladbach – aber da sind wir eben auch gut (und ohne Wartezeit) aufgehoben. Übrigens gibt es in unserer Nachbarstadt ein tolles Kinderärzte-Netzwerk: Wer Patient bei einem Gladbacher Kinderarzt ist, wird auch außerhalb der Öffnungszeiten kompetent behandelt, ohne ins Krankenhaus zu müssen. Stattdessen gibt es einen Termin beim Kinderarzt, der aktuell Dienst hat. Wenn ich meine Freundinnen höre, die mit kleinen Kindern schon stundenlang im Krankenhaus gewartet haben, tun sie mir leid. Wir haben an den Wochenenden noch keine Sekunde warten müssen, wenn wir über den Notdienst gegangen sind. Wäre so ein Projekt auch für Neuss denkbar? Ich würde es den Mamas und Papas wünschen! Es geht mit dem Ärger im Alltag weiter: Man sollte meinen, dass die Menschen einem die Tür aufhalten, wenn man mit Kinderwagen durch möchte. Oder hilft, wenn man aus der Bahn oder Bus aussteigen kann. Leider in den meisten Situationen Fehlanzeige. Und wenn, dann sind es andere Mamas, die ihre Kinder kurz "parken", um sich gegenseitig zu helfen. Die Herren der Schöpfung dürften sich da gerne mal eine Scheibe abschneiden…

Wer mit dem Auto unterwegs ist, kann froh sein, wenn es breite Mutter-Kind-Parkplätze gibt. Die sind selten – und werden gerne von Autofahrern genutzt, die kein Kind dabei haben. Statt dessen wird es zur Herausforderung, auf einem engen Parkplatz das Kind aus dem Sitz zu holen oder gar den Maxi Cosi aus dem Auto mit zu nehmen. Auch hier muss ich Düsseldorf als gutes Beispiel heran ziehen: Viele Parkhäuser bieten Kombinationen an. Hier dürfen sowohl Behinderte als auch Eltern mit Kindern parken. Diese doppelte Nutzung finde ich toll, denn ich bin dafür, dass es ausreichend Behindertenparkplätze gibt, aber gebe auch zu, dass mich oft ärgert, wie wenig die genutzt werden. Übrigens, ein weiteres Ärgernis: Warum befinden sich die Raucherbereiche an öffentlichen Gebäuden eigentlich meistens am Eingangsbereich? Jedes Mal läuft man mit den Kindern durch stinkenden, ungesunden Qualm. Natürlich spielt auch das Finanzielle eine Rolle. Ein Kind ist teuer – egal wie klein es noch ist. So ist es kein Wunder, dass Kindertrödelmärkte der Renner sind. Bei einem bekannten Flohmarkt kam es jetzt am Eingangsbereich zu Warteschlangen wie im Vergnügungspark – 45 Minuten anstellen für gebrauchte Babykleidung… Das zeigt, wie sehr die meisten Familien darauf angewiesen sind, günstig an Kleidung für den Nachwuchs zu kommen. Um endlich wieder eine finanzielle Sicherheit zu haben, freuen sich die meisten Mamas auf den Wiedereinstieg in den Job. Doch auch da geht die Rechnerei schon wieder los: Wie viel muss ich arbeiten, um das tägliche Leben und die hohen Kindergartengebühren zu decken? Neben den Gebühren müssen die Mamas sich auch an den leider immer noch unflexiblen Öffnungszeiten orientieren. Es entspricht eben nicht der Realität, dass die meisten Arbeitszeiten zwischen 7 und16 Uhr sind. Auch ich kann diese Zeilen nur schreiben, weil wir einen tollen Rückhalt in der Familie haben. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie Alleinerziehende oder Familien ohne Anhang diese Probleme meistern. Aber ich habe großen Respekt vor allen, die diese Herausforderungen schaffen und oft dennoch arbeiten gehen, auch wenn am Ende nicht wirklich viel vom Geld übrig bleibt, wenn alle Fixkosten beglichen sind. Mit Kinderwagen wählt man auch Cafés und Restaurants nicht mehr nach Geschmack aus. Nein, es geht hauptsächlich darum, dass die Kinder einigermaßen bespaßt werden. Ich will ja gar nicht vermessen sein und mehr gut einsehbare Spielecken fordern. Na gut, das will ich eigentlich schon… Denn wenn Kinder und Eltern entspannt sind, fällt der Besuch im Café oder Restaurant länger aus und das freut ja auch den Gastronomen.

So wirklich sticht da aber fast nur das Kunstcafé Einblick in Kaarst raus, in dem die Kleinen aus (einfachen Mitteln) ein sicheres Spieleparadies vorfinden. Leider die absolute Seltenheit. Wir können uns ja schon freuen, wenn es einen (sauberen) Wickeltisch oder Hochstühle gibt. Aber auch hier gibt es Grund zur Hoffnung: Höffner geht mit gutem Beispiel voran. Hier gibt es sogar Windeln und Feuchttücher. Die Liste ist lang und es fallen einem noch viel mehr Beispiele ein, wo es Eltern schwer haben. Gut, dass Mamas und Papas oft noch auf ihrer rosaroten Wolke sitzen und sich dennoch für den Nachwuchs entscheiden. Eins ist nämlich klar: Es gibt nichts Schöneres, als das Leben mit Kind noch mal ganz neu zu entdecken. Auch nach schlaflosen Nächten, Hindernissen im Alltag oder undurchsichtigem Papierkram helfen der Blick in die Kinderaugen, das erste Lächeln und die absolut bedingungslose Liebe, um zu wissen, dass Kinder eine wunderschöne Bereicherung für das Leben sind.

Julia Schäfer

(Kurier-Verlag)