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Andreas Kalla leitet die Kaarster Florianer
Wenn "Grisu" zum Chef der Feuerwehr wird

Kaarster Feuerwehr
Kaarster Feuerwehr FOTO: Rolf Retzlaff
Kaarst. Andreas Kalla (38) kann sich über ein Jubiläum freuen: Der Stadtbrandinspektor ist seit 25 Jahren aktiver Florianer. Seit rund zehn Monaten ist er Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kaarst. "Kaarster-Leben"-Redakteur Rolf Retzlaff sprach mit ihm über feuerspuckende Drachen, die Angst vorm Einsatz sowie den heimeligen Geruch von Gummi, Benzin und Gerätschaften. Von Rolf Retzlaff

Herr Kalla, wer liegt Ihnen mehr am Herzen: Grisu, der kleine Drache, der Feuerwehrmann werden wollte, oder Feuerwehrmann Sam?
Natürlich Grisu, denn mit ihm bin ich aufgewachsen. Manchmal werde ich immer noch mit ihm verglichen... Und Grisu war früher mein Spitzname. Über Sam erzählen die Kinder oft bei unserer Brandschutzerziehung, da muss ich natürlich auch im Thema sein.

Wollten Sie schon immer Feuerwehrmann werden?
Im Alter von zirka acht Jahren habe ich einen Tag der offenen Tür des Löschzugs Kaarst besucht. Seitdem habe ich das Ziel verfolgt, Feuerwehrmann zu werden. Mit zwölf Jahren – dem Mindestalter – bin ich dann sofort der Jugendfeuerwehr beigetreten.

Eine Bilderbuchkarriere – vom jungen Florianer zum Feuerwehr-Chef. Jetzt haben Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht. Eine große Umstellung?
Ich wurde durch meinen Vorgänger Herbert Palmen hervorragend auf die neue Aufgabe vorbereitet. Jetzt muss ich das gesamte Spektrum der Feuerwehr beachten: von der Fahrzeugbeschaffung bis zur Sicherstellung der ständigen Einsatzfähigkeit der Feuerwehr Kaarst. Auch habe ich jetzt die Fürsorgepflicht für 120 Einsatzkräfte, 40 Kameraden der Ehrenabteilung und 40 Jugendfeuerwehrmitglieder. Meine Arbeit ist damit mit mehr Verantwortung behaftet als meine vorherige Tätigkeit als Stellvertretender Löschzugführer in Büttgen.

Sind Sie denn auch noch bei Einsätzen dabei oder arbeiten Sie ausschließlich am Schreibtisch?
Mit meinem Stellvertreter Christoph Johnen teile ich mir den Führungsdienst für größere Einsätze. Wenn es die Zeit zulässt, bin ich aber auch wie jeder Ehrenamtler bei kleineren Einsätzen hinten im Fahrzeug dabei. ,Führung durch Vorbild' lautet mein Anspruch. Ich will den Kontakt zur Mannschaft aufrecht erhalten und wissen, wie die Stimmung ist. Auch versuche ich, die wöchentliche Gerätepflege und Ausbildung der Löschzüge zu besuchen.

Welche Einsätze sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 
Das war einer meiner ersten Einsätze – Brand in einem Mehrfamilienhaus. Wir mussten unter Atemschutz arbeiten, ein Mann ist in seinem Bett verbrannt.

Da baut sich bestimmt auch ein hoher psychologischer Druck auf. Wie geht der Feuerwehrmann damit um?
Erst einmal hilft der Austausch der Feuerwehrleute untereinander. Dann ist Pfarrer Gregor Ottersbach als Seelsorger der Feuerwehr Tag und Nacht unser Ansprechpartner. Zudem bauen wir zurzeit gemeinsam mit Korschenbroich ein psychosoziales Unterstützungs-Team auf, das aus eigens geschulten Feuerwehrleuten besteht.

Hat der Feuerwehrmann Angst, wenn er zu brenzligen Einsätzen gerufen wird? 
Angst nicht, aber Respekt. Natürlich ist man je nach Stichwort nervös. Während der Anfahrt überlegt man, was einen erwartet, auch beginnt dann schon die Einsatzplanung.

Die Florianer riskieren Leib und Leben für die Sicherheit anderer, müssen psychische Belastungen verkraften. Welche Motivation haben die Ehrenamtler, sich derart für das Gemeinwohl zu engagieren? 
Das ist die Motivation, anderen zu helfen! Wenn wir gerufen werden, sind andere Menschen in Not. Wir werden alarmiert und können sofort wirkungsvolle Hilfe leisten. So sehen wir auch direkt das Ergebnis unseres Einsatzes.

Jetzt freuen Sie sich auf das neue Feuerwehrgerätehaus in Büttgen?
Ja klar! Die letzten Abstimmungen laufen, die Feuerwehr war von Beginn an in die Planungen involviert. Der Bau soll noch dieses Jahr beginnen.

Und beim Umzug werden Sie bestimmt ein wenig wehmütig, oder? 
Ich habe in dem Gebäude an der Driescher Straße meine Feuerwehr-Laufbahn begonnen. Den Geruch – diese Mischung aus Gummi, Benzin und Gerätschaften – werde ich immer mit meiner ersten Zeit bei der Jugendfeuerwehr verbinden. Die alte Feuerwache hat ihren Charme, in dem Gebäude steckt Historie, aber es ist auch in die Jahre gekommen. Gerade ist ein Fahrzeugtor kaputt gegangen, behelfsmäßig ziehen wir es mit einem Seilzug hoch, bis die Torsteuerung repariert wird. Das alte Gerätehaus ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Zumal die Aufgaben der Feuerwehr sehr vielfältig sind...
Richtig, neben der Brandbekämpfung hat die Zahl der technischen Hilfeleistungen zum Beispiel bei Verkehrsunfällen ebenso zugenommen wie die Einsätze aufgrund von Sturm- und Unwetterlage. Aber wir rücken auch immer häufiger aus, weil Rauchmelder Alarm schlagen, müssen dann aber feststellen, dass zum Beispiel nur die Batterie des Geräts leer ist... Viele Bürger können ihre Rauchmelder noch nicht ordnungsgemäß handhaben, da ist noch jede Menge Aufklärungsarbeit zu leisten.

In diesen Fällen handeln die Bürger in gutem Glauben, dass etwas passiert ist. Wie sieht es mit so genannten "Scherzanrufen" aus? 
Die Zahl der böswilligen Alarmierungen hat zum Glück drastisch abgenommen. Natürlich rücken wir immer wieder mal vergebens aus, weil jemand Feuerschein in der Nachbarwohnung bemerkt haben will – und vor Ort stellen wir fest, dass es Fehlalarm war.

Muss der Anrufer dann den Einsatz bezahlen? 
Nein, unsere Einsätze sind generell kostenlos, schließlich darf es nicht sein, dass Leute in Notfällen aus Kostengründen nicht bei uns anrufen. Auch die Katze auf dem Baum wird von uns kostenfrei gerettet. Ein typischer Fall, bei dem geringe Kosten für den Verursacher entstehen, ist beispielsweise die Entfernung der vom Auto verursachten Ölspur auf der Straße.

Rund 400 Einsätze haben die Kaarster Florianer im Jahr – ungewöhnlich viele für eine Stadt dieser Größenordnung. Können Sie Verstärkung gebrauchen? 
Auf jeden Fall! Natürlich sind wir einsatzfähig, aber um die Belastung auf noch mehr Schultern verteilen zu können, würden wir uns über jeweils zehn neue Florianer für die Löschzüge Kaarst und Büttgen freuen.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? 
Unsere Jugendfeuerwehr hat 40 Mitglieder, darauf können wir stolz sein! Aber wir suchen auch Quereinsteiger mit Berufs- und Lebenserfahrung. Auch mit 50 Jahren kann man bei der Feuerwehr anfangen!

Zum Abschluss möchte ich mich natürlich "standesgemäß" verabschieden. Wie lautet der Gruß der Feuerwehr? 
"Gott zur Ehr', dem Nächsten zur Wehr"

In diesem Sinne – vielen Dank für das Gespräch.