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Die Flüchtlinge sollen nicht im reichen Selikum untergebracht werden
Neusser Millionäre wollen keine Asylanten-Nachbarn

Ärger um Flüchtlinge in Neuss
Die schönen Villen in Selikum könnten Neid hervorrufen und die Asylanten in ihren Gefühlen „verletzen“. Die Bürger wollen keine Flüchtlinge in der Nachbarschaft, sie haben Angst vor Wertverlust und Kriminalität FOTO: Foto: Frank Möll
Neuss. Hier stehen die schönsten Villen, hier leben die reichsten Neusser: Chefärzte, Unternehmer, Richter, Anwälte und Professoren wollen unter sich bleiben. Sie kündigen an, gegen geplante Asylantenheime in ihrer Nachbarschaft zu protestieren. Für die CDU-regierte Stadt und dem Bürgermeister-Kandidaten Thomas Nickel sind es wichtige Wähler. Der CDU-Vorstand hat gestern begriffen, dass das große Wort von der tollen "Willkommenskultur" in Neuss in manchen Ortsteilen eher Wunschdenken, denn Realität ist. Von Frank Möll

Die Selikumer fürchten einen Wertverlust ihrer Häuser und haben Angst vor Kriminalität, wenn Flüchtlinge in ihrem idyllisches Viertel heimisch werden.

"Die Konfrontation der aufgrund ihrer subjektiv als bedrückend empfundenen Lebensumstände nach Deutschland gereisten Asylbewerber mit dem Wohlstand der Anwohner ist belastend für die ankommenden Menschen", so Professor Dr. Jürgen Plöhn. Übersetzt heisst das: Arme Asylanten sind neidisch und geplättet, wenn sie die Villen und riesigen Gärten der reichen Selikumer sehen.

"Da es sich bei den ankommenden Asylbewerbern nicht nur um Menschen handelt, die in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht mit einem sehr ernsthaften Anspruch auf staatliche Hilfe und mitmenschliche Solidarität zu uns kommen, erscheint die künftige Sicherheitslage im Stadtteil als fraglich", formuliert Professor Plöhn die Angst der Bürger. Die Selikumer sind von Bürgermeister Napp enttäuscht, dass sie vor "vollendete Tatsachen" gesetzt werden.

Der Bürgermeister will die Bürger nämlich erst "kurz vor" dem Bau von Asylantenwohnheimen in der Nachbarschaft informieren. Damit ist eine Beteiligung der Nachbarn nicht mehr möglich. Das lassen sich viele Menschen nicht bieten und rufen zu eigenen "Bürgerversammlungen" auf. I

m Restaurant "Haus Selikum" zum Beispiel ging es vergangene Woche hoch her. Monika Mücke und Dr. Stephan Becher hatten eingeladen.

Eine Aufnahme von geschätzten 100 Asylbewerbern in einem Stadtteil mit 1100 Einwohnern sei unverhältnismäßig hoch, stellten die Selikumer fest. Die zur Größe des Stadtteils angemessene Zahl an zugewiesenen Asylbewerbern ließe sich auch in leer stehenden Wohnungen anderswo unterbringen.

"Die Selikumer verstehen sich als Leistungsträger der Gesellschaft, die erhebliche Anteile ihres Vermögens in den Bau oder Ankauf eines Eigenheimes in einer bevorzugten, ruhigen Wohnlage investiert haben und sich nun eines akuten Wertverlustes ihrer Immobilien ausgesetzt sehen. Angesichts siebenstelliger Preise der Immobilien in dem betreffenden Wohnviertel sei die Aufwendung fünfstelliger Kosten für gerichtliche Verfahren allemal gerechtfertigt", drohen die Bürger unverhohlen der CDU-regierten Stadtverwaltung. Viele haben bislang die CDU gewählt und wollen nun notfalls klagen.

"Wir haben im CDU-Vorstand nun einstimmig beschlossen, dass es frühzeitigere Bürgerversammlungen geben soll. Es ist wichtig, dass die Anregungen der Bürger in die Projekte einfließen", beruhigt der stellvertretende Vorsitzende der CDU Neuss, Tobias Goldkamp. Damit kritisiert Napps eigene Partei das Vorgehen der Stadt-Spitze und kassiert das bisherige Procedere des Rathaus-Chefs.

Professor Dr. Jürgen Plöhn bringt sachliche Argumente gegen die Ansiedlung von Flüchtlingen in Selikum vor: "Die Anbindung des gesamten Stadtteils an Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und Dienstleister ist ausgesprochen schlecht und nur mit Fahrzeugen zu bewältigen. Selbst die nächste Bushaltestelle ist mehrere hundert Meter entfernt." Zudem sei Ansiedlung von Asylbewerber-Massen am Rande eines Landschaftsschutzgebietes geeignet, die dort lebende Tier- und Pflanzenarten zu schädigen.

Diese Sorge haben übrigens auch die Reuschenberger, wenn im Südpark Wohncontainer aufgestellt werden. "Der schöne See dort wird leiden. Das wichtige Naherholungsgebiet wird zerstört werden", heißt es zum Thema "Willkommens-Kultur".

 

Und hier ein Zwischenruf unseres Chefredakteurs:

 

Liebe Millionäre!

Ihr tragt als Leistungsträger der Gesellschaft mit eurer Schaffenskraft viel dazu bei, dass Neuss eine soziale Stadt sein kann.

Ich bin kein Millionär, kann aber verstehen, wenn ihr Angst habt.

Ein Wertverlust eurer Häuser ist zu befürchten.

Bei allen Sonntagsreden und falschen "Willkommens-Kultur-Beteuerungen" realitätsferner Kommunalpolitiker, muss nüchtern festgestellt werden, dass die wenigsten neben einem Asylanten-Container wohnen möchten.

Und in der Tat: Tun wir den Asylanten einen Gefallen, sie dort unterzubringen, wo es keinen Bus, kein Supermarkt, keine Moschee, keine Willkommens-Kultur gibt? Warum eigentlich bilden wir nicht rund um die Barbarakirche ein syrisches Viertel und schenken den verfolgten Christen das Gotteshaus und eine echte, neue Heimat? Wir "modernen", gottfernen Menschen vergessen leicht, dass die Flüchtlinge stark im Glauben sind. Sie könnten uns helfen, den eigenen, inneren, Werteverlust zu heilen.

Frank Möll

(Kurier-Verlag)