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Kinderfeindliche Stadt Neuss? Eltern müssen viel zahlen +++ Spielplätze desolat +++ Kinder müssen draußen bleiben

Neuss. Viele Mütter und Väter sind traurig, weil Neuss nicht gerade kinderfreundlich ist. Von Frank Möll

Rebecca Deuss und ihr Mann bezahlen für ihr Kindergarten-Kind 4.800 Euro pro Jahr an die Stadt Neuss für die Betreuung. Ihre Bekannten in Düsseldorf bezahlen für ihr Düsseldorfer Mädchen null Euro.

Auf der anderen Rheinseite können Eltern jeden Monat 400 Euro mehr ausgeben und die Wirtschaft ankurbeln: Neue Kleider, schönere Tapeten, größere Wohnungen, einen Urlaub. Gekauft und gebucht wird alles in Düsseldorf, während Neusser Eltern Unsummen an die öffentliche Hand überweisen müssen. Geld, das dem Neusser Einzelhandel gut tun würde und weitere Arbeitsplätze sichern könnte.

Obwohl nach einer Kampagne von Stadt-Kurier und FDP Neuss die CDU eine Erhöhung der Kita-Gebühren nicht durchsetzen konnte und diese in einem schwachen Erkenntnis-Prozess nun sogar etwas gesenkt wurden, sind die Kosten, die eine Mutter in Neuss zu tragen hat, sehr hoch. Ein Freibad-Besuch kostet für einen Erwachsenen knapp acht Euro. In Stommlerbusch, Dormagen, Kaarst, Düsseldorf und Köln teilweise weniger als die Hälfte. "Wenn ich mit vier Kindern an der Bushaltestelle stehe, verweigert der Busfahrer die Mitnahme, obwohl kein anderer Kinderwagen im Bus ist", so Rebecca Deuss, die als Tagesmutter segensreich arbeitet. "Wer in Neuss mehr als drei Kinder hat, ist aufgeschmissen", weiß sie.

Der Rat der Stadt Neuss versucht nun, punktuell etwas für Kinder zu tun: Ein völlig überlaufener Kinderbauernhof mit Massenabfertigung an der Schaukel, ein Skatepark für Jugendliche, hier und da ein kleiner Spielplatz. Doch den Familien wird überall Geld aus der Tasche gezogen: Während dem Single-CDU-Ratsherrn eine Strom- oder Wasserpreiserhöhung egal ist, weil er nur einmal am Tag duscht und nur einmal die Woche Wäsche reinigt, läuft bei einer fünfköpfigen Familie jeden Tag die Waschmaschine, fünfmal am Tag die Dusche mit Warmwasser. Wer sich in Neuss für Kinder entscheidet, ist finanziell geschwächt. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes bemängelt seit Jahren die finanzielle Abzocke der Familien und die Alibi-Geschenke der Politiker: "Der Staat klaut den Familien die Sau vom Hof und gibt ihnen gönnerhaft drei Koteletts zurück."

"Kleinere Korrekturen aus dem Stadtrat sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich bin dafür, dass wir die Kindertagesstätten für jedes Kind kostenlos anbieten", sagt Sebastian Rosen von der CDU und erarbeitet dazu derzeit einen Ratsantrag. Die Fraktion der Linken will ein Kindergarten-System nach Düsseldorfer Vorbild (null Euro Kosten für die Eltern) unterstützen. Fraktionschef Roland Sperling: "So wie Studium und die Schule müssen auch die Kindertagesstätten für Eltern kostenlos sein, weil wir ja die Kinder dort nicht nur verwahren, sondern pädagogisch betreuen", sieht Sperling einen Bildungsauftrag. Alle, auch Nicht-Eltern, müssten dann über Steuern die Kitas finanzieren und so könnten auch Singles einen Beitrag zur Zukunft der Gesellschaft leisten.

Thomas Kaumanns ist gegen eine völlige Abschaffung der Kita-Gebühren: "Das würde uns jedes Jahr fünf Millionen Euro kosten." Er will die 120 Förderprogramme im Bundesfamilienministerium bündeln und Bürokratie abbauen. Die Kommunen sollten die Gelder direkt bekommen und für die Familien ausgeben.

Ist Neuss kinderfeindlich? Stadt-Kurier-Redakteurin Julia Schäfer (bekannt als Jule Schmitz) bekommt bald ihr zweites Kind und schildert auf Seite drei dieser Ausgabe eindrucksvoll, wie sich Mütter, Väter und Kinder in Neuss fühlen.

(Kurier-Verlag)