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Was Lindenberg und Bourani immer wieder nach Neuss lockt...

Was Lindenberg und Bourani immer wieder nach Neuss lockt...
Ein Schnappschuss aus dem Neusser Norden: Daumen hoch – Udo rockt gerne im Black Sheep Studio, hier mit (von links) Henrik Menzel (Produzent), Arno Köster (East Tools Media), Udo Lindenberg, Daniel Flamm (Songwriter) und Peter „Jem“ Seifert (Produzent). FOTO: Foto: Black Sheep Studio
Neuss. Udo Lindenberg nachts um 1 im McDonald's an der Moselstraße? Treibt hier ein Promi-Double Schabernack mit den Fastfood-Freunden? Nein, hier genießt das Original aus der Hansestadt Hamburger und Pommes: Die Rocklegende ist häufig zu Gast im Neusser Black Sheep Studio. Peter "Jem" Seifert (42) und Jürgen Dahmen (59) empfangen hier immer wieder Stars der deutschen Musikszene. Von Rolf Retzlaff

Ganz unscheinbar im Neusser Norden ist das Black Sheep Studio versteckt, doch in Musikerkreisen gehört es zu den ganz Großen. Seifert und Dahmen haben in ihrer "Kreativ-Keimzelle" bereits Andreas Bourani, Adel Tawil, Clueso, Unheilig, Christina Stürmer, Jennifer Rostock, Wolle Petry und Haudegen zu Gast gehabt. Mit Udo Lindenberg arbeiten sie seit einigen Jahren zusammen, haben drei Platten mit aufgenommen, produziert und gemischt – auch die neue Scheibe "Stärker als die Zeit", die schon eine Woche nach Erscheinen die Spitze der deutschen Albumcharts erobert hatte. Platinstatus nach nur einhundert Stunden – für das Neusser Black Sheep Studio ein Grund zum Feiern. Überhaupt kommt Jem kaum noch aus dem Jubel-Modus heraus: Bouranis Album "Hey" bekam dreimal Platin und einmal Gold verliehen. Jem hat neun Tracks produziert und das Album komplett gemischt. Die Single "Auf Uns", produziert und gemischt von Jem, bekam zweimal Platin und fünfmal Gold, "Auf anderen Wegen", produziert von Jem und Phillipp Steinke und gemischt von Jem je einmal Platin und Gold.

Auch das ebenfalls mit Gold prämierte Album "Staub und Fantasie" von 2011 wurde von Jem mitproduziert. Und für den Hit "Cello" hat Seifert den Mann mit dem Schlapphut mit Clueso zusammen gebracht – ein glückliche Verbindung, die quasi von Neuss aus die bundesdeutschen Radios eroberte.

Peter Seifert ist nicht nur Produzent, er hat bei den Aufnahmen zu Udos Songs Gitarre, Schlagzeug und Bass gespielt. 1992 wurde er in der Quirinusstadt bekannt, als er mit seiner Band "Jem" den ersten Rockförderpreis der Stadt Neuss holte. Seine musikalischen Wurzeln macht Seifert dann auch mit seinem Spitznamen deutlich: In der Musikszene ist er als "Jem" bekannt geworden.

Jürgen Dahmen, sein Partner im Black Sheep Studio, erinnert sich gerne an die Arbeit mit Lindenberg. Ein bewegender Moment: Dahmen begleitet Udo bei seinem Song "Der einsamste Moment" am Synthesizer. Udos Reaktion: "Das geht so rein!" Überhaupt sei der Hamburger im Studio voll bei der Sache und lege viel Wert auf eine demokratische Zusammenarbeit. Da wird auch schon mal viel über einen Songpart diskutiert. So auch im Februar, als Udo im Breidenbacher Hof gastierte und es nicht weit zum Neusser Studio hatte, wo seine Songs eingespielt wurden.

Jetzt gönnen sich Seifert und Dahmen erst einmal eine kleine Pause. Doch Jem weiß: "Ende des Jahres werde ich wieder mit Andreas Bourani zusammen arbeiten." Jürgen Dahmen nutzt die Auszeit auf kreative Weise. Er steht bei der Band "Nighthawks" an den Tasteninstrumenten, begleitet Wolf Maahn seit drei Jahren. Sein neuestes Projekt: Gemeinsam mit Ergün Aktoprak spielt er türkische Lieder so "dass sie für das europäische Ohren zugänglich sind", sagt Dahmen.

Aber das Neusser Studio wird weiter Erfolgsgeschichte schreiben. Zu den "Co-Autoren" gehören Bernhard Rupprecht (Toningenieur) und Oliver Gregor (Technik). Letzterer entwickelt und baut High-End-Audiogeräte; seine "Soundwunder" sind so begehrt, dass er sie auch in Amerika gefragt sind.

Man sieht: Das Black Sheep Studio ist nicht ohne Grund eine der ersten Anlaufstellen für einige der erfolgreichsten Musiker Deutschlands. Still und leise wird von hier aus ein Hit nach dem anderen aufgenommen und produziert. Neuss als einer der Motoren der deutschen Musikszene – schade nur, dass seine Leistungen für den Otto-Normal-Musikhörer meist im Verborgenen bleiben...

Rolf Retzlaff

(Kurier-Verlag)