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Vorwürfe gegen Notunterkunft "Schule am Wildpark"
Werden syrische Flüchtlinge hier schlecht behandelt?

Werden syrische Flüchtlinge hier schlecht behandelt?
In der "Schule am Wildpark", einer Notunterkunft für Flüchtlinge, wurden Vorwürfe über schlechte Behandlung syrischer Flüchtlinge laut. FOTO: Hanna Loll
Neuss. Ein großer Hilferuf kam gestern aus der Notunterkunft "Schule am Wildpark" in der Facebook-Gruppe "Flüchtlinge in Grevenbroich/Neuss und Umgebung" - nur einen Tag nachdem ein Fernsehsender am Mittwoch einen Beitrag ausstrahlte, in dem ein syrischer Flüchtling sich kritisch über den Heimleiter äußerte, soll er von diesem verlegt worden sein! Von Hanna Loll

Majd ist ein junger Flüchtling aus Syrien, der gemeinsam mit seiner Familie die Flucht nach Deutschland geschafft hat. Hier wurde er nach Neuss geschickt und kam in der Notunterkunft in der "Schule am Wildpark" unter. Glücklich ist er jetzt nicht mehr. Seine Vorwürfe: Innerhalb der Unterkunft, die von European Homecare betrieben wird, würden syrische Flüchtlinge schlecht behandelt. Schuld sei der Heimleiter, der aus dem Balkan stamme und seine Landsleute offen bevorzuge. Ein ehrenamtlicher Helfer bestätigte Majds Vorwürfe vor laufender Kamera.

Auch eine weitere syrische Familie soll verlegt worden sein, weil sich eine Frau ebenfalls laut beschwert haben soll. Der Grund, den die Flüchtlinge für die Verlegung der Familien vermuten: Heute soll ein weiteres Kamerateam die Notunterkunft besuchen. Angst vor weiterer Kritik?

Prof. Dr. Klaus Kocks, Sprecher von European Homecare, lässt verlauten: "Wir kennen den SAT1-Bericht gar nicht. Deshalb können wir nicht auf ihn reagiert haben. Wir sanktionieren nie Meinungsäußerungen von Asylbewerbern. Also auch nicht in diesem Fall, sollte es ihn geben. Unseres Wissens nach hat keine Abschiebung stattgefunden. Das wäre dann auch gar nicht unsere Zuständigkeit. Eine Verlegung von Asylbewerbern in andere Einrichtungen entscheidet immer die Behörde, nie wir. Eine Ungleichbehandlung von Asylbewerbern nach Herkunftsregion schließen wir prinzipiell wie im Konkreten aus. Es gehört aber zu unseren Grundsätzen, dass wir das Verhalten von Asylbewerbern auch bei offensichtlicher Delinquenz nicht kommentieren."

"Bereits Anfang der Woche habe ich von Eskalationen zwischen Syrern und Flüchtlingen aus den Balkanstaaten in der Notunterkunft gehört", erzählt Thomas Kaumanns, Ratsherr und Initiator der Flüchtlingshilfe Neuss. Auch von schlechten Hygienezuständen und Uringestank hörte der Politiker, der sich aber bisher noch kein eigenes Bild von der Sache machen konnte. "Wenn wir von den Menschen hier verlangen, sich an die Gesetze zu halten, müssen wir auch die Meinungsfreiheit achten. Wir können Leute nicht einfach nur deshalb verlegen, weil sie sich kritisch äußern", macht Kaumanns deutlich. Er hofft, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Kaumanns hat bereits eine Einladung vom Heimleiter erhalten, die er gern annehmen wird. "Allerdings ist es dann ja ein angekündigter Besuch", gibt der Politiker zu bedenken, "wer weiß, was da vorher noch in Ordnung gebracht wird..." 

Facebook-Userin Echlas Afaneh, die sich für Flüchtlinge in Neuss einsetzt, hatte gestern den Notruf über Facebook gepostet, später schrieb sie: "Wirkich traurig was da passiert ist heute. Der Campleiter hat es wieder mal geschafft, rechtzeitig hat er die Flüchtlinge verlegen lassen, bevor das Fernsehen morgen kommt. Seine Drohung hat er wahr gemacht, wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, wird weg gebracht. Ihr hättet die Angst in ihren Gesichter sehen müssen, bei beiden Familien. Wie kann es sein, dass Menschen unwürdig in Deutschland, in unserem Rechtsstaat behandelt werden? Und alle gucken zu. Tolle Bezirksregierung! Was bin ich froh, dass ich kein Flüchtling bin, das ging mir heute den ganzen Tag durch den Kopf. Ich habe Angst vor so einem Deutschland. Dieses Gesicht kannte ich nicht von meiner Heimat Deutschland."