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Der Neusser Musiker Johnny Yuma trat in Südafrika vor UN-Soldaten auf
Mali-Gig: Zwischen den Songs gehen die Lichter aus - aus Angst vor Angriffen

Neuss/Mali. "If I could start again a million miles away, I would keep myself I would find a way...", intoniert Johnny Yuma mit seiner unverwechselbaren Stimme, die letzten Akkorde des Cash-Klassikers "Hurt" verklingen – und die ohnehin schon "funzelige" Lichtshow wird ausgeschaltet. Musiker und Publikum stehen im Dunkeln – aus Angst vor Feindangriffen.... So geschehen beim neuesten Hardcore-Trip des Neusser Musikers: Er reiste mit seiner Band ins ferne Mali, um dort in sieben Tagen drei Konzerte vor UN-Truppen zu geben. Von Rolf Retzlaff

Johnny Yuma zieht es immer wieder in Krisengebiete: Er hat in den vergangenen Jahren bereits in Afghanistan und Usbekistan vor UN-Soldaten gespielt. "Ich möchte die Jungs und Mädels unterstützen, ihnen zeigen, dass sie auch in Deutschland nicht vergessen werden", so Yuma, der im "wahren Leben" auf den Namen Andreas Kallenbach hört. Eine TV-Doku-Sendung brachte ihn auf die Idee, auch im südafrikanischen Mali den guten alten Rock'n'Roll zu Gehör bringen zu wollen. Seine Spontanband hatte er schnell zusammen getrommelt: Pierce Caractatus Black (Kontrabass, hat bereits im neuseeländischen Sinfonieorchester gespielt), Thilo Hornschild (Gitarre) und Martin Homback (Drums). Um die Technik kümmerte sich Nicola Schmutzler.

Von Köln-Wahn aus ging es mit der Militärmaschine los, doch das war erst der Anfang einer Zeit der Vielfliegerei: "Wir sind in Mali noch einmal rund 2.500 Kilometer geflogen", erinnert sich Johnny. Drei Camps wurden besucht: Castor Gao, Gecko in Kolikouro und Bamako. In diesen Camps sind die UN-Mission "Minusma" und die Bundeswehr-Mission "EUTM" stationiert. Mali leidet unter Terrorismus, Kriminalität und Verarmung, die mittelfristig starke Auswirkungen auch auf Europa haben könnten. Die UN-Truppen werden nicht für Kampfhandlungen eingesetzt; sie sollen helfen, das Land weiter zu stabilisieren.

Monatelang müssen die Soldaten in kargen Unterkünften und ebenso kargen Landschaften ausharren. Da war der musikalische Besuch aus Deutschland mehr als willkommen. Als Bühne diente ein Tieflader. Die Lichtshow wurde stark reduziert – falls Rebellen das Lager ins Visier genommen hätten, wäre das Ziel deutlich sichtbar gewesen. "Da wird dir schon mal etwas mulmig – aber nur ganz kurz. Wenn die Musik spielt, ist alles gut!", weiß Johnny. Vor allem dank des tollen Publikums: "Die Soldaten konnten sogar meinen eigens für Afghanistan selbst geschriebenen Song ,Like a loaded gun' mitsingen", traf Johnny auch im fernen Mali auf echte Yuma-Fans. Einen seiner "Lieblingsauftritte" hatte er allerdings ganz ohne Bühne und Lichteffekte: Als er gemeinsam mit Soldaten in einem kleinen Dorf Spenden verteilte, stimmte er Johnny Cashs "Folsom Prison Blues" an – und die Dorfälteste und einige Bewohner tanzten und sangen mit. "Ein ergreifendes Erlebnis", so der Neusser.

Überhaupt ist er auch jetzt noch voller bewegender Eindrücke, wobei er auf einige davon getrost hätte verzichten können: Das Essen in den Camps war meist sehr schlecht, durch das Waschen mit Wasser bekamen die Bandmitglieder Hautausschlag, ab 18 Uhr kam die Mückenplage über sie. Und dann war da noch die Angst vor den Rebellen. In der Nähe eines Camps wurden Tretminen zur Detonation gebracht. Doch der größte Schock folgte während des Heimflugs: Bei der Zwischenlandung in Paris erreichte Johnny die Nachricht, dass in einem der Camps, in dem er gespielt hatte, ein Anschlag verübt wurde. Ein als UN-Fahrzeug getarnter Wagen war in das Lager gefahren – mit Sprengstoff als Ladung. Es kam zur tödlichen Detonation.

Und dennoch: Johnny Yuma möchte auch im kommenden Jahr UN-Truppen in einem Krisengebiet besuchen. "Mal sehen, welches Land es wird", hat er noch keine Entscheidung gefällt. Das Verteidigungsministerium würde sich garantiert freuen: Der Bund sponserte den Mali-Trip der Band, die dadurch allerdings nicht reich wurde: "Wir hatten zumindest kein finanzielles Minus, aber auch keine Gewinn", erklärt Johnny. Konkret steht jetzt ein weiteres besonderes Projekt nach: Die Gefängnisse in Köln-Ossendorf und Dortmund hat er bereits zur "Konzerthalle" gemacht, 2017 möchte er die Insassen des legendären "Sing Sing" , eines Hochsicherheitsgefängnisses in der Nähe von New York, mit seinen Songs begeistern. Auch da werden garantiert wieder Tränen fließen – wie schon in Mali beim Song "Hurt"...