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Nach Cöllen-Urteil: "Lehrer wird zum Spielball der Schüler"

Nach Cöllen-Urteil: "Lehrer wird zum Spielball der Schüler"
Der Kaarster Lehrer Philip Parusel geht nach dem Cöllen-Urteil in Berufung. FOTO: Violetta Buciak
Kaarst/Neuss. Dieses Urteil bewegt die bundesdeutsche Schulwelt: Richter Heiner Cöllen verurteilte vor dem Neusser Amtsgericht den Kaarster Lehrer Philip Parusel wegen Freiheitsberaubung zu einer "Verwarnung mit Strafvorbehalt"; der Pädagoge hatte einem Schüler wegen grober Missachtung eines geordneten Unterrichts nach Schulschluss den Weg aus dem Klassenraum versperrt. Der Musiklehrer muss sich jetzt im Umgang mit undisziplinierten Schülern fortbilden. Andernfalls drohen ihm 1.000 Euro Geldstrafe (wir berichteten). Doch wie konnte es überhaupt zu diesem außergewöhnlichen Verfahren kommen und welche Konsequenzen sind zu erwarten? Stadt-Kurier sprach mit Dr. Albert Wunsch, Neusser Erziehungswissenschaftler, Hochschullehrer und Autor zahlreicher Bestseller wie "Die Verwöhnungsfalle" und "Abschied von der Spaßpädagogik". Von Rolf Retzlaff

Herr Dr. Wunsch, vor allem in Ihren Lehrer-Eltern-Seminaren wird das Neusser Urteil wahrscheinlich rege diskutiert.
So ist es. Ich werde von vielen Menschen angesprochen. Das zeigt, dass Vorfälle wie in Kaarst jeden Tag an Hunderten Schulen in ganz Deutschland passieren. Der Lehrer wird zum Spielball der Schüler und die Eltern zum Verteidigungsinstrument der eigenen Sprösslinge.

Sind wir auf dem Weg zu einem noch mündigeren Schüler oder fördert das Urteil eher die Respektlosigkeit der Schüler vor dem Lehrer?
Eindeutig zweiteres. Da die Urteile von Richter Cöllen in der Regel eine große Bodenhaftung haben, stand er hier wohl in einigen juristischen Zwängen. Aber eine Aufforderung an die Eltern und Schüler, sich beim Lehrer zu entschuldigen, wäre sehr wirksam gewesen. Die Verwöhnpädagogik leitet den Verweichlichungsprozess ein, der dafür verantwortlich ist, dass sich Schüler in einer vermeintlich starken Position fühlen, die ihnen nicht zusteht. Es kann nicht sein, dass – wie in Neuss geschehen – ein Schüler den Lehrer im Unterricht zur Lachnummer macht, dies filmt und dann ins Internet setzt.

Der Lehrer braucht also wieder mehr Autorität?
Natürlich! Wenn den Schulen klare Sanktionen fehlen, verlieren sie ihre Autorität, dann werden Lehrer von den Schülern an der Nase herum geführt. So wird schon in der Schule auch die Autorität des Staates untergraben.

Dann ist das Neusser Urteil eine Bankrotterklärung für die Autorität des Lehrers?
Ja, – und für einen gut geregelten Schulbetrieb. Die Lehrer werden jetzt noch vorsichtiger handeln und die Schüler bekommen noch mehr Macht. Das Fazit von destruktiven Schülern: Wenn wir einen Lehrer zum Kochen bringen, bekommen wir nicht einen Verweis, sondern dieser eine Fortbildung aufgebrummt.

Macht statt Respekt – eine gefährliche Entwicklung...
Respekt sollte die logische Folge von Autorität sein. Respekt ist die Grundvoraussetzung, die ein Gemeinwesen lebbar macht. Es muss ein Grundrespekt vor Autoritätspersonen herrschen – sei es vor dem Erwachsenen, Lehrer, Polizist, Pfarrer, Bürgermeister oder dem Ordner im Stadion. Auch wenn die Autorität einer Person nicht erkennbar ist – zum Beispiel bei einem eher unscheinbaren Polizisten –, muss Respekt vor seiner Funktion herrschen. Und genau diesen Denkansatz geben Eltern und die Gesellschaft nicht an die Kinder weiter. Wie anders lässt es sich erklären, dass sich Lehrer Sprüche anhören müssen wie "Sie haben mir gar nichts zu sagen" oder "Schlagen Sie mich doch, dann kriegen Sie Stress mit meinem Vater, der ist Rechtsanwalt."

Und da sind wir wieder bei der mangelnden Autorität...
Lehrer sollten in Fortbildungen viel mehr trainieren, ihre personale Autorität zu verdeutlichen. Autoritätsbildung ist enorm wichtig. Das habe ich oft genug selbst erfahren. Wenn zum Beispiel ein Lehrer sagt: "Keiner verlässt den Raum, bevor ich nicht weiß, wer die Wand versaute" ist dies angesichts von rund 30 Jugendlichen nicht leicht umsetzbar. Da muss der Lehrer wie ein Dompteur wirken, mental zum Ausdruck bringen, dass er die notwendige Stärke zur Umsetzung besitzt. Bei den Löwen klappt das in der Regel. Dazu müssen die Lehrer bei kleinen Vorfällen sofort aktiv werden, zum Beispiel schon beim ersten Blick des Schülers auf sein Smartphone reagieren, beim ersten Zuspätkommen den Schüler ansprechen.

Aber wie hätte sich der Kaarster Lehrer im aktuellen Fall verhalten können?
Schulklassen entwickeln eine Dynamik, und wenn sie den Negativpunkt erreicht, hat ein Lehrer nicht viele Möglichkeiten. Mein Vorschlag: den Unterricht mit dem Vermerk "Nicht beschulbar" abbrechen und die Schüler einen entsprechenden Text bis zum nächsten Tag als Zusatz-Hausaufgabe sauber und gut lesbar von Hand abschreiben lassen. Wer diese Aufgabe nicht erfüllt, kassiert eine Fünf und einen Vermerk im Klassenbuch.

Und wer trägt letztendlich die Schuld am Mangel von Respekt und Autorität – Lehrer, Eltern, Kinder oder die Gesellschaft?
Alle, obwohl ich den Begriff der Schuld nicht gerne verwende. Im aktuellen Fall hat die Gesellschaft den Lehrer nicht geschützt, hat seine Funktion massiv ramponiert.
Die Kinder werden zu kleinen Ego-Monstern erzogen, die sich als Mittelpunkt der Welt fühlen. Wenn sie Mist bauen, erfahren sie noch den Rückhalt ihrer Eltern. Und der Staat schaut dabei zu. In früheren Jahren war Nachsitzen eine normale Sache. Jetzt sind die Möglichkeiten der Lehrer sehr eingeschränkt. Die schlimmste Sanktionsmöglichkeit ist ein mehrtägiger Ausschluss vom Unterricht – und darauf sind die Schüler dann noch stolz und freuen sich, schulfrei zu haben.

Wie geht es nach dem Urteil weiter? Was sollte Ihrer Meinung nach passieren?
Der Lehrer wurde dazu verdonnert, eine Fortbildung zu absolvieren – warum nicht auch die Schüler und die Eltern? In Amerika wird dies bereits häufig praktiziert, in Deutschland wird man für diesen Vorschlag fast gesteinigt.
Eine weitere Möglichkeit wäre, die Eltern häufiger in den Unterricht einzuladen und Eltern-Schüler-Konferenzen durchzuführen. Oft sind die Eltern gar nicht im Bilde, welchen Unfug ihre Kinder in der Schule fabrizieren. Es kann nicht sein, dass Schüler mit dem Vorhaben in die Klasse gehen, den Unterricht platzen oder den Lehrer vor die Wand laufen zu lassen. Da müssen die Eltern frühzeitig mit in die pädagogische Arbeit einbezogen werden.

Herr Dr. Wunsch, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Rolf Retzlaff.