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Thomas Nickel: „Ich brenne für das Amt“

Thomas Nickel: „Ich brenne für das Amt“
FOTO: Thomas Broich
Neuss. Thomas Nickel ist seit Monaten auf Achse. "Ich brenne für das Amt des Bürgermeisters", sagt der 68-Jährige. Im Interview mit dem Stadt-Kurier spricht Nickel über seine Beweggründe, Ziele und wie er Neuss nach vorne bringen will.

Stadt-Kurier: Herr Nickel, Sie sind in Frankfurt geboren, in Düsseldorf aufgewachsen und vor 40 Jahren hat es Sie nach Neuss verschlagen. Sie sind in Holzheim tief verwurzelt, waren als Versicherungsdirektor erfolgreich im Beruf und sind seit 25 Jahren im Schützenkomitee. Was treibt Sie an, jetzt als Bürgermeister zu kandidieren?
Thomas Nickel: Der Vorspann stimmt. Es war nicht mein Lebenstraum, Bürgermeister zu werden. Als mir der CDU-Vorsitzende Dr. Geerlings Schützenfestdienstag vergangenen Jahres erklärte, nicht als Nachfolger von Herbert Napp anzutreten, entstand die Idee, dass ich es machen könnte. Neuss hat mir viel gegeben und ich möchte etwas zurückgeben. Als ehemaliger Versicherungsdirektor kann ich Mitarbeiter motivieren, fördern und fordern – auch im Rathaus. Ich bin bereit, für die Wahlperiode von fünf Jahren die Weichen zu stellen, will die Zeit nutzen, Neuss zu gestalten.

Stadt-Kurier: Und Sie wollen das bürgerschaftliche Engagement stärken?
Nickel: Neuss lebt vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger, und ich persönlich stehe für das bürgerschaftliche Engagement. 

Stadt-Kurier: Damit sind wir mitten im Thema. Sie haben gesagt, dass Sie fortführen möchten, was gut ist, aber dass Sie auch Dinge verbessern wollen. Wo muss noch geschraubt werden?
Nickel: Ich muss zuerst sagen, dass wir hier in Neuss eine Erfolgsgeschichte erlebt haben. Herbert Napp war in seinem Amt erfolgreich. Ihn nur als Vesuv von Neuss darzustellen ist falsch. Allein die Tatsache, wie er die Wirtschaft hier vorangetrieben hat, ist beispiellos. Oft wird vergessen: Je mehr Unternehmen eine Stadt ansiedelt und hält, desto mehr kann sie für Kinderbetreuung, Schulen, Sporteinrichtungen und Theater ausgeben. Dass wir das Möbelhaus Höffner mit 600 neuen Arbeitsplätzen für Neuss gewinnen konnten, ist Napps Verdienst. Andere Mitbewerber in anderen Städten konnten Höffner Eröffnung erst im Jahr 2017 anbieten. Wir in Neuss haben es in wenigen Monaten in die Tat umgesetzt. Der neue Standort von Pierburg im Hafen sichert Arbeitsplätze. Auch der autofreie Markt geht auf die Initiative von Herbert Napp zurück. Was werde ich anders machen: Ich will das Ehrenamt mehr stärken. Die Vereine brauchen langfristigere Verträge, damit sie verlässlich wissen, welche Mittel sie zu erwarten haben. Ich will die Mitarbeiter im Rathaus fordern und fördern, Mitarbeitergespräche führen. Ich will wieder Beamte einstellen und ihnen die verdiente Wertschätzung geben. Gleichzeitig will ich einen Tag der offenen Tür im Rathaus einführen und flexiblere Öffnungszeiten schaffen. Bürgerinitiativen und deren Entscheidungen nehme ich ernst…

Stadt-Kurier: … und das tut Napp nicht?
Nickel: Es geht nicht um Herbert Napp, der seine Verdienste hat. Es geht darum, wie es jetzt weiter geht. Ich stehe für einen anderen Stil. Bürgerinitiativen bringe ich Wertschätzung entgegen, weil sie zeigen, dass sich die Menschen für ihre Umgebung interessieren und engagieren. Natürlich muss man dabei schauen, was geht und was nicht geht. Ich bin für schnellere, kürzere Dienstwege. Als Bezirksausschussvorsitzender in Holzheim bin ich als Kümmerer bekannt. Mein Rezept ist, die Dinge sofort und zielorientiert abzuarbeiten, statt bürokratische Anträge zu formulieren. So werde ich auch als Bürgermeister handeln.

Stadt-Kurier: Sie haben die guten Seiten von Napp erwähnt. Wird er uns denn in irgendeiner Form erhalten bleiben, beispielsweise als Aufsichtsratsvorsitzender?

Nickel: Ich weiß, dass er einen neuen Lebensabschnitt plant, sich neu erfinden will. Diese Freiheit sollten wir ihm lassen und ihn nicht schon in neuen Aufgaben verplanen.

Stadt-Kurier: Fühlen Sie sich im Wahlkampf von Napp unterstützt? Immerhin spüren Sie offenbar von einigen Seiten Gegenwind. Hermann-Josef Kallen will Sie nicht wählen…
Nickel: Die CDU unterstützt mich geschlossen, auch Bürgermeister Napp. Dafür bin ich dankbar. Ich freue mich, dass mir auch FDP und Unabhängige Wählergemeinschaft das Vertrauen ausgesprochen haben. Ich will Bürgermeister für alle Neusserinnen und Neusser sein. 

Stadt-Kurier: Sie und Napp waren nie die dicksten Freunde…
Nickel: Das stimmt. Es gibt sicherlich Dinge, die ich anders gemacht hätte. Ich bin ja auch Nichtraucher. Aber wir waren nie Feinde und wir haben erfolgreich zusammen gearbeitet.

Stadt-Kurier: Der Wahlkampf neigt sich fast dem Ende entgegen. Wie sieht der Plan für die kommenden Tage aus?
Nickel: (öffnet seinen Papierkalender) Schauen Sie, da ist kein bisschen Platz mehr zum Beschriften. Bis zum 13. September bin ich komplett ausgebucht mit Veranstaltungen. Wichtig ist es mir, ansprechbar zu sein und zuzuhören. Ich mache mir Notizen, erledige vieles schnell und nehme manches mit, das ich im Rathaus umsetzen will.

Stadt-Kurier: Und ihre Frau macht das alles mit?
Nickel: Meine Frau gibt mir den nötigen Halt. Wir sind jetzt seit rund 45 Jahren verheiratet. Sie hatte sicherlich andere Vorstellungen, als dass ich für das Amt des Bürgermeisterkandidaten kandidiere. Ich habe sie aber in die Entscheidung eingebunden. Sie trägt meine Kandidatur mit.

Stadt-Kurier: Thema soziale Stadt: Hat sich dieser Bereich gebessert? Werden Sie mit Frank Lubig, dem Vorstandsvorsitzenden des Bauvereins, reden, wenn Sie gewählt werden sollten?
Nickel: Ich bin gut vorbereitet. Die Gespräche mit sämtlichen Geschäftsführern von den Gesellschaften in Neuss habe ich bereits geführt. Neuss ist eine soziale Stadt und soll es auch bleiben. 

Stadt-Kurier: Reiner Breuer sagte uns im Interview, dass aus den Stadtwerken viel Geld rauszuholen sei und dass er an die Reserven ran wolle…
Nickel: Ich habe keine Ahnung, wie er auf diese Idee gekommen ist. Er hat doch Einsicht in die Bilanzen und er hätte doch sehen müssen, dass dort keine Millionen schlummern. Die Stadtwerke so auszupressen, dass sie die Preise erhöhen müssen, halte ich weder für vernünftig noch für sozial.

Stadt-Kurier: Woher wollen Sie das Geld nehmen, um die sozialen Probleme in Neuss zu lösen?
Nickel: Die Grundstücksverkäufe haben uns viel Geld gebracht. Natürlich sind wir gerade bei sozialen Leistungen auf die Bundes- und Landesmittel angewiesen. Was den Bau von sozialen Wohnungen angeht, haben wir jedenfalls klare Absprachen mit dem Bauverein. Bis 2020 sollen es 1.000 Wohnungen sein und das ist schon eine große Herausforderung. Dennoch brauchen wir noch 400 bis 450 Wohnungen mehr. Hier sind private Investoren gefragt. Ich bin dagegen, alles beim Bauverein abzuladen. Wir brauchen einen gesunden Mix.

Stadt-Kurier: Ist da Kritik am Landtagsabgeordneten Reiner Breuer zu hören?
Nickel: Er hat als Landtagsabgeordneter nichts für Neuss erreicht. Vielmehr hat er im Landtag die Erhöhung der Grunderwerbsteuer um 30 Prozent mitbeschlossen. Dies widerspricht jedem sozialen Gedanken und gefährdet den preiswerten Wohnungsbau, auch in Neuss. Denn durch die Erhöhung der Grunderwerbsteuer steigen auch die Mieten. Mein Gegenkandidat sollte also nicht in Neuss etwas fordern, was er auf Landesebene selbst torpediert. Dies ist unredlich. 

Stadt-Kurier: Bleiben wir im sozialen Bereich. Eine große Belastung für die Familien hier sind die Kita-Gebühren. In einer offiziellen Mitteilung sagten Sie, dass Sie diese langfristig abschaffen wollen, dass es in der nächsten Zeit aber nicht möglich sein wird. Warum?
Nickel: Natürlich will ich viele Bereiche weiterentwickeln, aber das ist schwer. Es muss vernünftig kalkuliert werden und es ist eben nicht möglich, alles auf einmal zu schaffen. Da müssen wir realistisch und seriös bleiben. Leere Versprechungen wie die meines Gegenkandidaten wird es von mir nicht geben. Ein Chaos wie in Düsseldorf, wo die Kita-Gebühren erst abgeschafft und jetzt vom SPD-Oberbürgermeister wieder eingeführt werden, lehne ich ab. Zu dieser Frage will ich aber auch etwas Persönliches anmerken, weil mir oft vorgeworfen wird, dass ich keine Kinder habe und Familien deshalb nicht verstünde. Ich habe immer Kinder gewollt, aber es gibt Situationen im Leben, wo es nicht geht. Meine Frau und ich haben alles darauf ausgerichtet und unser Leben auf Kinder eingestellt. Wir haben Holzheim als Wohnort gewählt, weil wir damals dachten, dort unsere Kinder großziehen zu können. Leider ist es anders gekommen. Aber: Ich war 25 Jahre lang Vorsitzender im Jugendhilfeausschuss, ich kenne alle 87 Kindergärten der Stadt, bin selber Vorsitzender eines Kindergarten-Trägervereins. Die Herausforderung, genügend Ü3– und U3-Plätze zu schaffen, haben wir angenommen und gut lösen können. Jetzt arbeiten wir an flexibleren Öffnungszeiten und einer seriösen Finanzierung für niedrigere Gebühren. 

Stadt-Kurier: Wir haben hier in Neuss viele Dezernenten, die in anderen Städten wohnen. Halten Sie das für richtig und wollen Sie daran etwas ändern?
Nickel: Wer in Neuss lebt, ist ansprechbar für die Menschen. Das ist etwas, das ich mir wünsche. Der neue Chefarzt im Lukaskrankenhaus wohnt in Neuss und das ist auch gut. Im Notfall fährt er weniger als 15 Minuten zum Arbeitsplatz. Natürlich müssen die Mitarbeiter aus der Verwaltung nicht zwangsläufig nach Neuss ziehen. Manche haben ein Haus geerbt oder wohnen aus familiären Gründen woanders. Wenn es aber um die Neubesetzung von Stellen geht, werbe ich bei den Kandidatinnen und Kandidaten, in unsere schöne Stadt Neuss zu ziehen.

Stadt-Kurier: Das Thema Flüchtlingspolitik wird in Neuss diskutiert wie kein anderes. Halten Sie die 27 Standorte für eine gute Entscheidung?
Nickel: Es ist wichtig, realistisch zu bleiben und den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern zu pflegen. Die Stadt Neuss hat sich des Problems frühzeitig angenommen. Es war sehr gut, dass die Stadt das ehemalige St.-Alexius-Krankenhaus zur Verfügung gestellt hat. Richtig ist auch, die Standorte der weiteren Flüchtlingsunterkünfte gerecht auf die Stadtteile zu verteilen. Bei der Planung der einzelnen Standorte müssen wir umsichtig vorgehen und im Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern bleiben. Nicht jede der Standortplanungen finde ich schon überzeugend. Auch bin ich für feste Bauten statt Containern. Die Container sind mit 32 Euro Miete pro Quadratmeter im Monat extrem teuer, vermutlich teurer als Festbauten. An der Stelle bin ich schon auch Kaufmann: Hier lohnt sich ein Festbau mehr, denn von diesem haben wir auch langfristig was. Oberste Priorität ist, die Kinder vernünftig zu integrieren, denn über Kinder läuft die Integration am schnellsten. Ehrenamtliche Helfer sind wichtiger denn je.

Stadt-Kurier: Sehen sie Armut auch bei unseren Neusser Bürgern?
Nickel: Ja, die gibt es in jeder Altersschicht. Gerade bei älteren Menschen stelle ich fest, dass manche ihre Notlage nicht zugeben wollen und die Dunkelziffer dadurch hoch ist. Mit meiner Erfahrung im sozialen Bereich werde ich dafür sorgen, dass den Menschen geholfen wird. Und ich will sicherstellen, dass Neuss die wirtschaftliche Kraft behält, Menschen in Not zu helfen.

Stadt-Kurier: Was denken Sie, wie wird die Wahl ausgehen?
Nickel: Ich setze darauf, dass die Wählerinnen und Wähler sich für mich entscheiden. Ich bringe genug Erfahrung mit und brenne dafür. Ich bin der richtige für das Amt. 

Stadt-Kurier: Im Express stand neulich ein Artikel, dass der Kölsche Klüngel ein Witz gegen das sei, was in Neuss abgeht.
Nickel: Wenn gemeint ist, dass wir in Neuss durch die starke Bindekraft unserer Heimatstadt vielleicht mehr füreinander einstehen als in anderen Städten, mag das sein und ist positiv. Ich stehe für Integrität im Rathaus. Wo ich Verantwortung übernehme, sorge ich dafür, dass es fair zugeht. Verhältnisse wie in Köln, wo die SPD die Wahlen gefälscht hat, sind skandalös. Damit muss sich Neuss nicht vergleichen lassen. 

Stadt-Kurier: Die SPD Neuss kritisiert die Hinterzimmerpolitik. Was sagen Sie dazu?
Nickel: In Neuss findet die Politik im Stadtrat und in den Ausschüssen des Rates statt. Dass die SPD sich dort nicht ausreichend einbringt, kann sie niemandem sonst vorwerfen. 
Goldkamp: Die politische Arbeit der SPD in Neuss lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Nein. Sie lehnt den Haushalt ab, sie kommt mit keiner der anderen Parteien im Rat klar. Dafür haut sie permanent auf alles und jeden in Neuss ein, der nicht Genosse sein will. So geht es nicht. In der Kommunalpolitik muss man sich um Zusammenarbeit bemühen, auch über Parteigrenzen hinweg und mit der Verwaltung. Wenn die SPD die Wirtschaftsförderung zur "Chefsache" ihres Kandidaten erklären will, der noch nie etwas in der Wirtschaft geleistet hat, kann die Wirtschaft das nur als Drohung verstehen.

Stadt-Kurier: Denken Sie, ein Kaufmann ist in dem Amt besser aufgehoben als ein Jurist?
Nickel: Ich habe mich in der Praxis so viel mit Gesetzeslagen befassen müssen, dass ich beides beherrsche. Für den Bürgermeister ist nicht entscheidend, ob der Jurist oder Kaufmann ist. Entscheidend ist, dass er Praktiker ist, kein Theoretiker.

Stadt-Kurier: Wenn Sie zum Bürgermeister gewählt werden, dann machen Sie das fünf Jahre lang und sind dann 73 Jahre alt. Ist dann Schluss?
Nickel: Ich werde das Amt für fünf Jahre mit voller Energie ausführen. Was danach kommt, werden wir sehen.

Thomas Nickel und Tobias Goldkamp waren zu Gast beim Kurier-Verlag an der Moselstraße. An dem Gespräch nahmen teil: Geschäftsführer Stefan Menciotti, Frank Möll, Rolf Retzlaff, Thomas Broich, Violetta Buciak und Hanna Loll (alle Redaktion).