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Brauchtumsexperte Achim Tilmes vermisst markante Persönlichkeiten
„Den Schützen sterben die Typen weg“

„Den Schützen sterben die Typen weg“ Brauchtumsexperte Achim Tilmes vermisst markan
Momentaufnahme aus den 1950er Jahren (von links): Zu Pferd in Zivil, aber mit Chargiertenkappen – Jägermajor Quirin Heck (Hecke Papp), Oberst Josef Tilmes, Regimentsadjutant Stefan Vieten, rechts daneben geht der spätere Jägermajor Hubert Becker (Beckesch Hubät). FOTO: Foto: privat
Neuss. Mir fallen derzeit keine Persönlichkeiten ein, die im Neusser Schützenwesen eine aktive Rolle spielen und die ich der Kategorie "besondere Type" zuordnen würde. Von Achim Tilmes

Zum besseren Verständnis will ich anfangs ein paar namentliche Beispiele nennen, bevor ich zur Trennung der mir bekannten schriftlich überlieferten und derjenigen Herrschaften komme, die ich persönlich erlebt habe und denen meines Erachtens der Ehrentitel "besondere Type" zusteht. Hier ohne wertende Reihenfolge ein paar Namen: Hubert Becker, Jean Bürvenich, H. A. Hesemann, Heinrich Tilmes, Karl Flecken, Quirin Heck, Mathias Gondorf und Bernhard Schmitz.

Heinrich Adam (H. A.) Hesemann war mit kleinen Unterbrechungen ein halbes Jahrhundert Neusser Schützenoberst. Hesemann wurde von manchen als autoritär angesehen, war deshalb nicht unumstritten, stand aber gerade in Krisenzeiten seinen Mann. Er amtierte als Rendant und zeitweiliger Vorsitzender im Verein. Als "Ackerer, Wirt und Destillateur" gehörte er unter anderem dem Stadtrat an. Noch heute erinnert an ihn die Alte Schmiede beim Rathaus, seine frühere Scheune.

An anderer Stelle des gleichen Werkes ist beschrieben, wie der amtierende Grenadiermajor Heinrich Tilmes 1920 während der Besatzung im vollen Ornat in einer zweispännigen Kutsche vor die belgische Kommandantur fuhr und den Kommandanten zu sprechen wünschte. Die Besatzer hatten Bedenken gegen das Schützenfest und die Uniformen und erwarteten von Aufmärschen so vieler "bewaffneter Männer" nichts Gutes. Die wachhabenden Soldaten erwiesen dem Kirmesoffizier Respekt und

Heinrich Tilmes hat offenbar gut verhandelt. Er durfte nicht nur unbeschadet wieder abziehen, das Schützenfest fand mit kleinen Einschränkungen und ohne Waffen statt.

Der gleiche Mensch (das steht nicht in dem Buch; ich weiß es aus Familienerzählungen, denn er war mein Großvater) hatte den Spitznamen "Bützmajor" und ein überschäumendes Temperament, welches man seinem roten Haarschopf anrechnete. De hatt´ de falsche Panne om Dak, wie mer en Nüss säht. Als Königsbewerber soll er sich übervorteilt gefühlt haben, weil angeblich unterschiedliche Munition zum Einsatz kam. Er lehnte daraufhin eine weitere Teilnahme am Königsschießen ab und trat als Konsequenz vom Majorsamt zurück.

Auch über Quirin Heck ist schon manches geschrieben und erzählt worden. Er wurde als "Hecke Papp" unsterblich. Gewiss gab und gibt es auch andere Menschen, bei denen das Bandmaß des Leibesumfangs mehr Zentimeter anzeigt als die Körpergröße misst. Man sieht sie nur selten zu Pferde in der Uniform eines Jägermajors. Hecke Papp war ein lustiger, ein witziger Typ, aber keine Witzfigur. Nicht nur angesehener Handwerksmeister, auch Komiteemitglied und versierter Büttenredner, vielfach in gemeinsamen Auftritten mit seiner Ehefrau, bestens bekannt als "Hecke Mamm".

Der Frisör und Puppendoktor Jean Bürvenich, genannt "Schnäuz", passt schon eher in die Kategorie "irre Type". Vermutlich war er noch ein paar Zentimeter kleiner als der Vorgenannte. Da halfen auch die extra angefertigten Schuhe mit hohen Absätzen nicht. Der martialische Schnurrbart war sein Markenzeichen. Alljährlich brachte Oberleutnant "Schnäuz" einen Grenadierzug auf den Markt, meistens zur Verwunderung seiner Korpsspitze. Er hat wohl einigen Schützen das Fest von der Ausrüstung bis zum Taschengeld finanziert um die Reihe zu füllen. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Posten des Hauptmanns anzustreben – stets vergebens.

Dass der Stechschritt nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft worden war, störte ihn nicht. Auch außerhalb der Parade warf er hier und da seine kurzen Beinchen zur Freude des Publikums. Nach dem Fest benutzte er dann wieder den Krückstock.

"Typen" aus jüngerer Zeit

An der Regimentsspitze und meistens auch bei den Grenadieren waren gute Reiter gefragt. Der langjährige Oberst-Adjutant Stefan Vieten war geradezu mit dem Pferd verwachsen, ´ne echte bure Jong. Man hatte das Gefühl, er stieg vom Mähdrescher oder vom Traktor und ritt von der Bauerbahn per Pferd zur Parade. Wie gut er mit Pferden umgehen konnte, zeigte er auch schon mal mit kleinen Kunststücken, wenn er "Max" zum Beispiel steigen ließ. Alkohol am Steuer und im Sattel sind heute verpönt, aber Vieten´s Steff lebte zu einer anderen Zeit …

Beckesch Hubät, seines Zeichens Jägermajor, hatte auch schon mal Durst, wenn es längere Wartezeiten gab. Seine Spezialität war es dann, sich eine Kneipe auszuwählen, in der er was zu trinken bekam ohne vom Pferd steigen zu müssen. Mit anderen Worten, er ritt mit Vorliebe samt Pferd in ein Lokal. Auch sonst war er kein Kind von Traurigkeit.

Letzteres gilt auch für den längst dienenden Adjutanten im Regiment, für Bernhard Schmitz, genannt "Schmitze Berni". Aber er war ein Pferdeliebhaber und –kenner. Bei allem Schalk und seiner angeborenen Schlitzohrigkeit nahm er seinen Dienst, korrektes Auftreten und Disziplin bei Aufmärschen und Umzügen stets ernst. "För dommes Zeug hammer töschedörch Ziet jenoch." Sprachs und hielt sich dran.

Aus der langen Reihe der Schützenkönige, die ich in mehr als vierzig Jahren erleben durfte, ist mir Karl Flecken, genannt "Charly", als besondere Type in Erinnerung geblieben. Von Beruf Anwalt war er als Schütze ein echter Feger. Das Komitee hatte seine liebe Müh´, ihn einzufangen, wenn sich König Charly unters Volk mischte. Offenbar erfüllte er sich einen speziellen Traum, als er das Krad eines Polizisten "auslieh" und damit eine heiße Runde drehte. Man stelle sich so etwas heutzutage vor. Skandal!

Mathias, genannt "Matjö Gondorf" war das Faktotum bei den Hubertusschützen und sicherlich auch einer der ausgelassensten Neusser Schützenkönige. Bei ihm warst du vor keinem Streich sicher. Aber man konnte diesem Schelm einfach nicht böse sein. Kippte mal die Stimmung, fiel ihm ein Witz ein und er hatte die Lacher auf seiner Seite.

Für den Schluss habe ich mir meinen ersten Schützenkönig und die Idealbesetzung eines Neusser Schützenoberst aufbewahrt – Hans Schiefer.

Unabhängig, unerschütterlich. Nichts trifft auf ihn besser zu als "ein Mann, ein Wort". Dazu immer gut aufgelegt und stets präsent, selbst als er sich aus beruflichen Gründen überwiegend in Wuppertal aufhielt. Die Meinungen waren gespalten, als eine starke Gruppe den Antrag gestellt hatte, ein neues Korps zu begründen. Die "Quirinus-Schötzejeselle" waren gut vorbereitet und hatten prominente Fürsprecher. Aber als Oberst Hans Schiefer in der überfüllten Generalversammlung seine flammende und emotionale Rede gehalten hatte, gab es keine Chance mehr für ein neues Korps.

Es hat nichts damit zu tun, dass früher alles anders oder gar besser gewesen wäre. Das ist Quatsch. Aber wo sind heute vergleichbare "Typen", die dem einen oder anderen der Vorgenannten das Wasser reichen könnten?

Gewiss mangelt es nicht an engagierten Personen, aber das macht sie noch nicht zu dauerhaften "Denkmalen", zu Persönlichkeiten vom Stil eines Hans Schiefer oder eines Typen wie Hecke Papp.

Das Schützenfest ist derzeit reich an Masse, ihm fehlen aber die Typen der besonderen Klasse.

 

(Kurier-Verlag)