| 14.11 Uhr

Pfarrer kümmern sich zu wenig
Jesus wäre Dein Facebook-Freund

Neuss. In der Facebook-Gruppe "Du bist Neusser, wenn..." sucht eine junge Mutter für ihre zwei kleinen Kinder einen Weihnachtsmann (!) für den morgigen Heiligen Abend. Am Ende des Tages ist wieder einmal ein Suchender mehr von der Amtskirche enttäuscht. Unsere Neusser Pastoren scheinen überfordert, müssen sie ja nicht nur das eine verlorene Schaf im sozial kalten Neuss suchen, sondern heutzutage eine ganze Herde gestrauchelter Seelen. Da bleiben sie lieber WhatsApp-Gruppen und Facebook fern. Viele Pfarrer haben den Kontakt zu den Menschen verloren, weil sie die modernen Kommunikationsmittel ablehnen und lieber in leeren Kirchen auf das Volk warten. Das Christkind wollte es vor 2000 Jahren anders... Von Frank Möll

 

Wer wissen will, was Weihnachten bedeutet und warum Gott sich als Mensch zuerst Hartz-4-Empfängern und Armen (also den Hirten auf dem Felde vor Bethlehem) zeigt und diese damit sozusagen positiv hervorhebt, ja adelt, muss morgen unbedingt die Christmette in Weckhoven mitfeiern. Ich war im vergangenen Jahr da. Ohne Unterschied feiert der reiche Rechtsanwalt mit der an Nase und Lippe gepiercten Hartz-4-Mutti, die mit ihren drei Kindern (von drei verschiedenen Vätern) wie selbstverständlich das Vater unser mitbetet und "Stille Nacht" singt, während der tätowierte Hooligan vor dem Weihwasserbecken noch seine Kippe ausdrückt, bevor er sich bekreuzigt. Irgendwie scheinen die Weckhovener Weihnachten einen Hauch echter und vom Herzen her feierlicher zu feiern als die Christen in St. Quirin oder St. Marien, wo die Familien ja schon auf Erden heilig sind und es nicht erst durch Gottes Sohn werden müssen. Schade, dass der gute Hirte in Weckhoven nach einem Jahr immer noch nicht ersetzt ist und der überforderte Aushilfs-Pfarrer Klinkhammer gemeinsam mit Diakon Linden die Dinge "verwest". Ist eben nur Weckhoven. Nicht fein genug? Der Stall damals war´s aber auch nicht!

Ich gebe jetzt einmal die Namen "Klinkhammer", "Linden", "Assmann", "Korr", "Korfmacher" in meine Facebook-Suchmaske ein.

Gut, habe ich mir schon gedacht: Nichts. Leere. Ein Großteil der jungen Menschen hält sich stundenlang in den sozialen Netzwerken auf. Unsere Pfarrer findest Du da nicht. Dabei werden hier Meinungen gemacht. In der Gruppe "Du bist Neusser, wenn..." diskutieren Menschen darüber, dass es doch für die Kinder der nach dem amerikanischen oder ostdeutschen Weihnachtsmann suchenden Mutter doch besser wäre, wenn der authentische Nikolaus am Heiligen Abend vorbeikommen könnte. Oder das Christkind.

Die Mutter denkt nach, ruft einen Geistlichen der Katholischen Kirche an. Der wimmelt sie ab. Das passt zu der arroganten Musikauswahl in der Mette von St. Quirin, wo es kaum die bekannten Volks-Weihnachtslieder (fürs einfache Gemüt) gibt, sondern sich das Bildungsbürgertum um ihren überheblich und unnahbar wirkenden Organisten und Chorleiter bejappt, wenn der Meister die für den Normal-Menschen unbekannten Ergüsse barocker Komponisten alter Musik in lateinischer Sprache in nicht enden wollenden Sequenzen durch seine Orgelpfeifen quält.

Dies war jetzt böse und ich will niemanden verletzen. Doch die, die nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder einen Weihnachtsgottesdienst besuchen (immerhin jeder zweite Bundesbürger), kommen nie wieder. Chance in St. Quirin vertan. Besonders dann, wenn die Kirche schon nicht in Facebook zu finden ist.

"Wir müssen uns vor der Klimaerwärmung nicht fürchten – uns rottet die soziale Kälte viel früher aus", heißt es im WhatsApp-Status einer verloren gegangenen Christin. Kein Pastor liest das, weil WhatsApp beim Neusser Klerus weitgehend nicht genutzt wird. Kein Hirte geht auf die Suche nach diesem verlorenen Schaf. So hat es das Christkind nicht gemeint, als es uns 30 Jahre später in der Bergpredigt den Kopf gewaschen hat.

Unsere Hirten haben es nicht leicht. Pastor Assmann, Dechant Korr und Pfarrer Korfmacher suchen den Kontakt zu den nicht-virtuellen, also realen Menschen, werden immer kontaktfreudiger. Warum sie nicht wie Bischof Dominikus Schwaderlapp oder der evangelische Stadt-Pfarrer Franz Dohmes Facebook als Hilfsmittel nutzen (so wie Jesus den Berg oder das Boot auf dem See als Hilfsmittel nutzte), könnten sie sich einmal durch den Kopf gehen lassen. Denn Neuss und die Welt braucht mehr denn je gute Hirten, Vorbilder, Zuhörer. So einen wie Josef, der mit ansehen musste, wie seine Frau ein Kind bekam, das nicht von ihm war. Und er blieb in seiner schwärzesten Stunde trotzdem an ihrer Seite. Von Josef ist im neuen Testament kein einziges Wort überliefert, wohl aber seine Taten. Wir brauchen wieder mehr Taten-Menschen in Neuss! Von dieser Josefs-Geschichte, die morgen und übermorgen in allen Neusser Kirchen erzählt wird, können wir Honig saugen, wie es heute im Business-Deutsch so schön heißt.

Denn: "Wir müssen uns vor der Klimaerwärmung nicht fürchten – uns rottet die soziale Kälte viel früher aus, wenn wir alle nicht umkehren und wie die Magier dem Stern der Liebe und Hoffnung folgen", schreibt die Frau im WhatsApp-Status ihrer Gruppe. Ich bin mir sicher: Jesus von N. wäre heute unser Facebook-Freund!

(Kurier-Verlag)