Medikamente retten Leben. Sie lindern chronische Schmerzen, regulieren den Blutdruck, bekämpfen Infektionen und ermöglichen es Millionen Menschen, trotz schwerer Erkrankungen ein weitgehend normales Leben zu führen. Doch jedes Arzneimittel hat zwei Seiten: Neben dem therapeutischen Nutzen stehen mögliche Risiken und Nebenwirkungen. Wer diese kennt, kann besser mit seinem Arzt und seinem Apotheker zusammenarbeiten – und im Zweifel rechtzeitig reagieren.
Was „Arzneimittelsicherheit" wirklich bedeutet
Bevor ein Medikament in Deutschland auf den Markt kommt, durchläuft es ein aufwändiges Zulassungsverfahren. Der pharmazeutische Unternehmer muss dabei Wirksamkeit, pharmazeutische Qualität und Unbedenklichkeit des Arzneimittels nachweisen – und der Nutzen wird stets in Abwägung zu den Risiken für Patientinnen und Patienten untersucht. Kein zugelassenes Medikament ist risikofrei, aber keines darf auf den Markt, bei dem die Risiken den Nutzen überwiegen.
Doch die Zulassung ist nur der Anfang. Das Wissen über die Sicherheit eines Arzneimittels ist zum Zeitpunkt seiner erstmaligen Zulassung nicht vollständig, da die klinische Erprobung an einer relativ geringen Zahl von Patientinnen und Patienten erfolgt. Seltene oder sehr seltene unerwünschte Wirkungen können in klinischen Prüfungen oft noch nicht erkannt werden.¹ Deshalb findet auch nach der Marktzulassung eine laufende Überwachung statt – durch staatliche Behörden wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI).
Nebenwirkungen: häufiger als gedacht
Der Satz „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage" ist inzwischen allgemein bekannt – und dennoch wird er von vielen Patienten ignoriert. Dabei sind Nebenwirkungen kein seltenes Phänomen. Laut dem BfArM sind Neben- und Wechselwirkungen jedes Jahr für bis zu fünf Prozent aller Krankenhausaufnahmen in inneren Abteilungen verantwortlich – das entspricht rund 300.000 Menschen. Das ist keine Zahl, die man einfach verdrängen kann. Sie zeigt: Medikamente müssen ernst genommen werden – als wirksames Mittel und als potenzieller Risikofaktor zugleich.
Interessant ist dabei ein Blick auf die Meldestatistik: Im Jahr 2024 wurden laut der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker insgesamt 10.882 Verdachtsfälle zu Arzneimittelrisiken gemeldet – ein neuer Höchststand. Die gute Nachricht darin: Das System funktioniert. Apotheken, Ärzte und Patienten melden zunehmend, was eine frühere Erkennung von Risiken ermöglicht.
Das Problem der Mehrfachmedikation
Besonders heikel wird es, wenn mehrere Arzneimittel gleichzeitig eingenommen werden. Laut der Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände nehmen 7,6 Millionen Bundesbürger ab 65 Jahren täglich fünf oder mehr Arzneimittel ein. Bei den 75- bis 80-Jährigen braucht sogar jeder Dritte mehr als acht Medikamente täglich. Diese sogenannte Polypharmazie birgt erhebliche Risiken: Etwa 6,5 Prozent aller Krankenhauseinweisungen erfolgen aufgrund von Nebenwirkungen, die in bis zu 80 Prozent als schwerwiegend bewertet werden. Durch Nebenwirkungen entstehen in Deutschland zusätzliche Gesundheitskosten von rund 400 Millionen Euro jährlich.
Hinzu kommt: Häufig ist den Menschen nicht bewusst, dass Arzneimittel sich gegenseitig beeinflussen oder ihre Kombination unerwünschte Reaktionen hervorrufen kann. Gerade deshalb ist der sogenannte Medikationsplan ein wichtiges Instrument. Wer dauerhaft mehrere Arzneimittel einnimmt, hat in Deutschland Anspruch auf einen solchen Plan, der alle Präparate übersichtlich zusammenfasst und mögliche Wechselwirkungen sichtbar macht.
Wie Patienten selbst zur ihrer eigenen Sicherheit beitragen können
Die Verantwortung für Arzneimittelsicherheit liegt nicht allein bei Behörden und Herstellern. Patienten können selbst dazu beitragen, ein Medikament noch sicherer zu machen, indem sie mögliche Nebenwirkungen melden – über den Arzt, den Apotheker oder direkt über das Online-Portal nebenwirkungen.pei.de, auch anonym.
Darüber hinaus gibt es einige praktische Verhaltensweisen, die das Risiko von Komplikationen deutlich reduzieren: Alle eingenommenen Mittel – auch frei verkäufliche Produkte und Nahrungsergänzungsmittel – offen mit dem behandelnden Arzt besprechen; die Packungsbeilage tatsächlich lesen; bei neuen Symptomen nach Beginn einer Medikation zeitnah Rücksprache halten; und niemals eigenmächtig Dosierungen verändern oder ein Medikament absetzen.
Spezifische Medikamente: Nutzen und Risiken abwägen
Das Prinzip der Nutzen-Risiko-Abwägung gilt für alle Arzneimittelklassen – ob Blutdruckmittel, Antidepressiva, Schmerzmittel oder Präparate zur Behandlung erektiler Dysfunktion. Fast 90 Prozent der Bevölkerung in Deutschland vertrauen auf sichere Arzneimittel – ein Vertrauen, das durch transparente Information und verantwortungsvollen Umgang verdient werden muss. Präparate wie etwa PDE-5-Hemmer können zwar die Lebensqualität erheblich verbessern, sind aber nicht für jeden geeignet und können gefährliche Wechselwirkungen mit bestimmten Herzmedikamenten auslösen. Wer mehr über spezifische Nebenwirkungen und Risiken solcher Präparate erfahren möchte, findet fundierte Informationen bei seriösen medizinischen Anbietern.
Fazit: informiert handeln, sicher leben
Arzneimittelsicherheit ist kein abstraktes Konzept für Behörden und Pharmaunternehmen – sie beginnt mit jedem einzelnen Patienten. Dieses Vertrauen ist gerechtfertigt, wenn es mit Wissen und aktiver Mitverantwortung einhergeht. Wer Fragen zu seinem Medikament hat, sollte diese stellen – beim Arzt, beim Apotheker oder über offizielle Informationsquellen. Denn ein gut informierter Patient ist die beste Schutzinstanz für sich selbst.
Quellen
Paul-Ehrlich-Institut (PEI): Arzneimittelsicherheit & Pharmakovigilanz. https://www.pei.de/DE/arzneimittelsicherheit/arzneimittelsicherheit-node.html
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Wechselwirkungen erkennen – Nebenwirkungen melden. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2019/pm7-2019.html
DEXIMED – Deutsche Experteninformation Medizin: Polypharmazie im Alter. https://deximed.de/zielseiten/krankheiten/polypharmazie
Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI): Arzneimittelsicherheit. https://www.bpi.de/alle-themen/arzneimittelsicherheit