1. Neuss

Der „Cut-Zug“, ein legendärer Zug, vor 100 Jahren gegründet

Ein legendärer Zug : Der „Cut-Zug“ wurde vor 100 Jahren gegründet

Es muss schon einen Grund haben, dass der „Cut-Zug“ in der Neusser Schützenwelt bis heute einen klingenden Namen hat, immerhin gibt es 2020 noch einen Kegelklub, der sich mit diesem Namen schmückt. Aber was war der Grund, dass der 1920 gegründete Zug, in der Hochzeit seiner Wahrnehmung in Neuss, in dem eben noch (1934/35) das Zugmitglied Carl Klepper Schützenkönig gewesen war, nach 1936 nicht mehr mitmarschierte?

Der Zug hatte andererseits, was für seinen Zusammenhalt und seine Ausstrahlung sprach, noch ein bemerkenswertes „ziviles“ Nachleben. Seine Nachkriegs-Musik-Frühschoppen vereinten 1948 immerhin 106 und 1949 sogar 156 Teilnehmer. Und mindestens seit 1952 fanden diese Montags-Frühschoppen, jetzt zusammen mit dem Schützenlustzug „Rheingold“, in der „Taverne zum Krützchen“, das heißt in Hof und Haus Josef Kraemer Breite Straße 33, statt. Die letzte offizielle „Cut-Zug“- Einladung war zugleich die Königsfeier des Cut-Zug- Mitgründers und Majestät 1955/56 Josef I. Kraemer und seiner Frau Grete Kraemer, geb. Wentges.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Zuges war der „Cut“. Das Komitee hatte den jungen Schützen, die überwiegend noch Studenten beziehungsweise kurz zuvor Kriegsteilnehmer waren, den „Cut“ als Ersatz für einen teuren Frack zugestanden. „Cut-Zug“ wurde zum offiziellen, aber „Kippes-Zug“ zum inoffziellen Namen.

Fritz Kippes (geb. 1897, vermisst als Oberstleutnant im Zweiten Weltkrieg) gilt als Gründer des Zuges. Er heiratete 1924 Katharina Schmitz. Trauzeuge war August Geyr, in dessen großen Garten später viel gefeiert wurde. Er wurde Vater zweier Töchter und war durchgehend unbestritten der Oberleutnant des Zuges. Auf ihn geht das einheitlich-ordentliche Auftreten des Zuges beim Vorbeimarsch vor dem König und in den Umzügen auf den Straßen zurück. Schöner Beweis sind die zahlreichen Parade-Fotos der Cut-Zug-Grenadiere, wie sie in gerader Linie und einem Glied im Stechschritt schreiten und der Oberleutnant Kippes, den König grüßend, ihnen im richtigen Abstand vorangeht.

Nur auf einem Paradebild fehlt Fritz Kippes, nämlich beim Schützenfest 1934; hier ist Wilhelm Jansen der Oberleutnant. Er ist ebenso wie Josef Kraemer, Paul Thywissen und Paul Wentges seit 1920 dabei. 1925 kam Josef Kraemers Bruder Wilhelm, vielen unter „Fuki“ und als Exerziermeister des Grenadiercorps bis mindestens 1979 bekannt. Auf den Cut-Zug geht auch der „Kippesgriff“, das heißt der linke Arm ist nicht wie sonst bewegungslos nach unten durchgestreckt, sondern angewinkelt, wobei die durchgestreckte linke Hand den Gewehrkorpus fest berührt. Der Grenadierzug „Promenademischung“ hält die Tradition dieses Griffes, zu dessen Ausführung schon eine gewisse Übung gehört, aus gewissem Stolz, aber eher zum Missfallen der Korpsführung bei.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Zuges war der „Cut“. Foto: Dr.med. Karl Ernst Klepper

Der Cut-Zug ist auch durch seine großen, von vielen Gästen besuchte Gartenfeste bekannt geworden. Kein Biwak verlief ohne Musikkapelle und Polonaise; auch Tanz und Theater kamen vor. Man traf sich im Garten der alten „Gesellschaft Erholung“ zwischen Oberstraße und Hymgasse gelegen, im Garten von August Geyer, Schorlemer Straße 17, dem der Familie Lonnes, Kölner (heute Augustinus) Straße 11, dem der Familie Thywissen, Erfstraße 90, oder dem der Familie Steins, Drususstraße (heute Drusus Allee) 37.

Eine über 500 Fotos umfassende, inzwischen digitalisierte Bildersammlung dokumentiert viele dieser fröhlichen Ereignisse. Sie werden seit geraumer Zeit von Christoph Begiebing, Sohn von Franziska („Ika“) Kraemer (Carl Kleppers Königin 1934/35) und Neffe von Josef Kraemer, bearbeitet sowie von ihm und anderen befragten „Cut-Zug-Nachkommen“ mit Texten versehen. Noch längst nicht alle Personen sind identifiziert. Die Bilder sollen Teil einer neuen Zug-Dokumentation werden, die die seit 1956 verschollene Zugchronik ersetzen könnte.

Das sorgfältig geführte Protokollbuch des Zuges, das alle Chargen der Zugmitglieder, viele Veranstaltungen, alle Einnahmen und Ausgaben, Geschenkanlässe, Ausflugs-, Porto- und Foto-Kosten und ähnliches aufführt, bricht mit Abschluss des Schützenfestes 1936 ab und beginnt erst wieder 1948 mit der namentlichen Auflistung aller Teilnehmer des Montagsfrühschoppens.

Notar i.R. Bert Goder berichtet 2019 , dass Josef Kraemer 1937, vermutlich aufgrund der Auseinandersetzung zwischen Komitee und Neusser NS-Oberen, welche den Rücktritt von Präsident Marx und Komitee sowie die genötigte Unbenennung zahlreicher Züge zur Folge hatten, gesagt habe: „Unter diesen Verbrechern marschiere ich nicht mehr!“ Dem habe sich der überwiegende Teil des Zuges angeschlossen und der Zug habe nicht mehr am Schützenfest teilgenommen.

Gerne wüssten wir mehr; die leider verschollene Zug-Chronik hätte möglicherweise weitere Auskunft gegeben: Der Entschluss, sich zum nächsten Schützenfest nicht wieder anzumelden, dürfte trotz aller NS-Pressionen nicht leicht gefallen sein. Dafür spricht das fröhliche Widersehen des Zuges und seiner Freunde 1948 und 1949, das gesellige Feiern in der Taverne zum Krützchen bis 1956 und die überkommenen Dokumente, Fotos und Legenden. Karl Ernst Klepper