Versorgung verletzter Wildtiere Tierheim Bettikum nimmt schweren Herzens keine Wildtiere mehr auf

Neuss · Am vergangenen Wochenende postete das Tierheim Bettikum auf Facebook keinen Hilferuf – sondern eine Resignation. Denn für das Heim ist die Versorgung kranker oder geschwächter Wildtiere ab sofort nicht mehr möglich. „Das Wasser steht uns bis zum Hals“, erklärt das Tierheim. „Es tut uns von ganzem Herzen leid.“

Pascal Oelmüllers mit einem der letzten Igel, die noch im Tierheim versorgt werden konnten.

Foto: Kurier Verlag GmbH/Hanna Glinski

„Auch ein Tierheim ist ein Unternehmen. Jedes Unternehmen stirbt, wenn die Kosten die Einnahmen dauerhaft übersteigen. Sparten, die dann nicht gewinnbringend sind, werden abgestoßen, Mitarbeiter werden entlassen“, verrät das Tierheim mit bitterem Unterton. „Lange Jahre haben wir gekämpft. Während andere Tierheime diesen Schritt schon lange gegangen sind, wollten wir auf das Päppeln und Großziehen und Gesundpflegen nicht verzichten. Aber es gibt sie, die Tiere ohne Lobby. Die Wildtiere!!“ Denn Wildtiere werden nicht adoptiert, sondern ausgewildert. Bis dahin kosten sie Unmengen an Zeit und Geld. „Bei beidem steht uns das Wasser bis zum Hals“, heißt es.

Pascal Oelmüllers aus der Tierheimleitung rechnet vor: „Wir haben jedes Jahr rund 200 Wildtiere aufgenommen. Alles in allem hat ihre Pflege und Versorgung rund 60.000 Euro gekostet. Darin enthalten sind eine Vollzeitkraft, die sich ausschließlich um die Wildtiere kümmert, Tierarztkosten, Futter und Material. Die Gesamtbezuschussung für ein Jahr, die wir von der Stadt Neuss erhalten, beläuft sich nur auf insgesamt 85.000 Euro. Da muss man leider Abstriche machen“, bedauert er.

Auch im Facebook-Post hieß es: „Wir haben bereits Personal entlassen und müssen irgendwie weitere Maßnahmen zur Kostenentwicklung ergreifen.“ Die 85.000 Euro, die das Tierheim jährlich von der Stadt erhält, entsprechen etwa 52 Cent pro Einwohner und Jahr. Oelmüllers: „Wir bräuchten etwa 1 Euro bis 1,50 Euro pro Einwohner und Jahr – das wäre uns eine Riesenhilfe, aber selbst das wäre erst ein erster Schritt. Denn schon allein die jährlichen Tierarztkosten sind ein sechsstelliger Posten.“ Den riesigen Rest, der an finanziellen Ausgaben anfällt, bezahlt das Tierheim durch Spenden und die geringe Vermittlungsgebühr bei Haustieren.

Von nun an werden Neusser, die einen verletzten Jungvogel, einen unterernährten Igel oder andere geschwächte oder gefährdete Wildtiere zum Tierheim bringen möchten, also schweren Herzens abgewiesen; auch wenn aktuell noch ein paar letzte Igel, die im Tierheim überwintert haben, weil sie die kalte Jahreszeit sonst nicht überlebt hätten, auf ihre Auswilderung warten.

„Bei der Versorgung von Wildtieren handelt es sich grundsätzlich nicht um eine Aufgabe der Kommune“, betont eine Sprecherin der Stadt Neuss. Wildtiere wie etwa Igel seien daher keine Fundtiere im Sinne des Fundrechts. „Nach § 960 BGB sind Wildtiere herrenlos, solange sie sich in Freiheit befinden. Entsprechend greifen hier andere rechtliche Rahmenbedingungen als bei klassischen Fundtieren, wie entlaufenen Haustieren.“

Bürger, die einen hilfsbedürftigen Igel finden, werden daher von der Stadt gebeten, sich zunächst an fachkundige Wildtierhilfen, spezialisierte Auffangstationen oder entsprechend qualifizierte Tierärzte zu wenden, heißt es weiter. Doch das ist nicht immer so einfach: Den Experten des Tierheims sind von nun an die Hände gebunden, die Igelstation, die es noch bis vor Kurzem in Weckhoven gab, ist nicht mehr dort.

Die letzten Igel werden bald ausgewildert, dann gibt es keine Wildtiere mehr im Tierheim Bettikum.

Foto: Kurier Verlag GmbH/Hanna Glinski

Wer googelt, landet schnell bei der Privaten Igelhilfe Kleinenbroich von Silke Laube, die verrät: „Wir erhalten eine Flut von Anfragen seitens der Neusser Bürger, die einen Igel in Not gefunden haben, zwecks Aufnahme und Behandlung. Dies ist für eine private und ehrenamtlich geführte Igelhilfe nicht leistbar. Mit unserer Lage in Korschenbroich sind wir für die Neusser Bürger nun naheliegend.“ Deshalb hat sie sich schon hilfesuchend an die Stadt Neuss gewandt.

Doch das Kreis-Veterinäramt nennt einen anderen Ansprechpartner für aufgenommene Igel: Herbert Zitzelsberger, der seit vielen Jahren Wildtierauffangstationen betreibt und sich um Neusser Tiere in Not kümmert – inzwischen unter dem Dach des Tierschutzvereins Notpfote Animal Rescue (NAR). Der Tierschützer verrät: „Soweit wir helfen können, tun wir das auch. Wir nehmen nach wie vor Igel auf und haben auch Kontakte und Unterstützung für die Pflege weiterer Wildtiere – von Singvögeln und Tauben über Greifvögel, Füchse, Eichhörnchen und Co.“

NAR-Vorsitzende Babette Terveer ergänzt: „Ich kann die Entscheidung des Tierheims gut verstehen. Bei der Versorgung von Wildtieren entstehen schnell hohe Kosten. Mit dem Tierheim bricht ein großer Stützpfeiler weg“, beobachtet sie die Situation mit Sorge. Doch die engagierten ehrenamtlichen Tierschützer sind noch da – und: „Wir sind immer um eine Lösung bemüht, selbst wenn unsere eigenen Kapazitäten erschöpft sind. Wir sind gut vernetzt und telefonieren im Zweifel so lange herum, bis sich eine Lösung ergibt“, erklärt sie. Dafür habe der Verein auch ein Notdienst-Telefon eingerichtet, das unter Tel. 0211/88 23 43 52 erreichbar ist.

Was die Zukunft der Wildtierversorgung in der Stadt Neuss bringt – ungewiss. Ein politisches Umdenken für mehr Unterstützung scheint in weiter Ferne zu sein. Aber einen Ratsherrn gibt es, der sich der Sache annimmt: Der Stadtverordnete Thomas Schwarz (Tierschutz hier!) erklärt, dass die Fraktion Tierschutz/Aktiv/Neuss jetzt! eine Anfrage in den Umweltausschuss einbringen wird, bei der die Versorgung von Wildtieren durch das Tierheim und private Initiativen sowie die bislang ungeklärten beziehungsweise diffusen Zuständigkeitsfragen im Fokus stehen.

„Es ist nicht hinnehmbar, dass Wildtiere wie Igel in der öffentlichen Verwaltung faktisch keine Lobby haben, wenn es um finanzielle Unterstützung geht. Viel zu oft wird die Versorgung auf ehrenamtliche Initiativen abgewälzt, die an ihre Belastungsgrenzen stoßen“, beklagt die Fraktion.

Das Staatsziel Tierschutz (Artikel 20a Grundgesetz) müsse „auch unter angespannten kommunalen Haushalten ernst genommen werden. Uns ist dabei die komplexe rechtliche Einordnung zwischen Naturschutz, Artenschutz, Jagdrecht und Tierschutz bewusst – sie darf jedoch nicht dazu führen, dass in der Praxis Versorgungslücken entstehen. Wir würden uns freuen, wenn sich engagierte Initiativen wie die Igelhilfe Kleinenbroich sowie das Tierheim Bettikum im Rahmen der Landesgartenschau vorstellen könnten. Garten-, Natur- und Artenschutz sowie der Schutz unserer Tierwelt sind untrennbar miteinander verbunden“, so Schwarz.