Rund 21 verschiedene Fledermausarten leben in Nordrhein-Westfalen, die meisten davon sind auch bei uns im Kreis heimisch. Die mit Abstand am weitesten verbreitete Art, die Zwergfledermaus, gehört mit einer Flügelspannweite von bis zu 25 Zentimetern zu den kleinsten Vertretern der Säugetiere.
„Fledermäuse leben überall mit uns in den Städten und Dörfern“, erzählt Judith Funk, zweite Vorsitzende von Fledermaus NRW. Der eingetragene Verein aus Düsseldorf hat sich den Artenschutz des faszinierenden Fledertiers auf die Fahnen geschrieben. In der Regel bekommen wir Menschen von ihnen nicht viel mit, denn sie sind nachtaktiv, kommen vor der Dämmerung nicht heraus und sind sehr schnell.
„Jede Fledermaus vertilgt bis zu 2.000 Stechmücken pro Nacht. Die europaweit streng geschützten fliegenden Säugetiere sind sehr sozial und man begegnet ihnen meist nur dann, wenn sie tagsüber erschöpft an einer Hauswand hängen oder hilflos auf dem Boden liegen“, erklärt Funk. In diesen Momenten gilt: Das Tier braucht Hilfe und sollte sofort gesichert werden!
„Aus Respekt vor dem Wildtier bitte mit einem Handschuh, Lappen oder Ähnlichem aufnehmen, in einem kleinen Karton mit etwas Küchenrolle am Boden und ein paar kleinen Luftlöchern im Deckel sichern und direkt Fledermaus NRW kontaktieren – die Fledermaus braucht umgehend Hilfe und muss fachkundig versorgt werden“, verrät Funk weiter.
Das Problem: In Neuss und Kaarst gibt es noch keine Auffangstationen von Fledermaus NRW. In der aktuellen Hochsaison (Juni bis August) erreichen knapp 50 Anrufe am Tag die ehrenamtlichen Fledermausschützer von Fledermaus NRW – sehr viele davon aus dem Rhein-Kreis Neuss. „Das bedeutet, dass unsere Düsseldorfer Stationen sehr viele Tiere aus dem Rhein-Kreis Neuss aufnehmen und die Kapazitäten dann sehr schnell erschöpft sind“, erzählt Funk.
Deshalb ist ihr Verein jetzt auf der Suche nach engagierten Menschen aus Neuss und Kaarst, die sich als Pflegestellen für Fledermäuse an der Artenschutz-Arbeit von Fledermaus NRW beteiligen können und so die „Versorgungslücke“ im Kreis schließen. Interessierte werden natürlich auf dem Weg dorthin kompetent begleitet. Der Verein verspricht: „Um möglichst vielen Fledermäusen helfen zu können, bilden wir mittlerweile weitere Stationen aus, um flächendeckend eine fachkundige Versorgung der Tiere zu ermöglichen. Startpunkt ist ein Workshop zur Fledermauspflege – und auch darüber hinaus begleiten wir neue Stationen mit Rat, Tat und unserer langjährigen Erfahrung.“
Ziel ist es, Fledermaus-Babys aufzupäppeln und erschöpfte Fledermäuse wieder fit zu machen, damit sie wieder ausgewildert werden können. Zur Pflegestation eignet sich aber nicht jeder Haushalt. Es sollten dort keine Katzen leben, der Wohnort sollte in oder nahe des Rhein-Kreises liegen. Darüber hinaus braucht es Zeit, Verlässlichkeit und starke Nerven sowie Respekt vor Wildtieren – denn das sind Fledermäuse. „Aufgrund unserer langjährigen praktischen Erfahrung bei der Auswahl und Begleitung von Pflegestellen haben wir uns auf ein Mindestalter von 35 Jahren verständigt“, betont Funk.
Ist ein Tier wieder fit und gesund, wird es genau dort ausgewildert, wo es gefunden wurde, denn Fledermäuse sind sehr ortstreu. „Bei erwachsenen Tieren durften wir schon öfter beobachten, dass sie von Artgenossen direkt abgeholt wurden und minutenlang wie Schmetterlinge umeinander herumgeflattert sind – ein Verhalten, das wir bislang nur im Rahmen dieses Begrüßungs-Rituals beobachtet haben“, verrät Funk begeistert. Überhaupt ist die Arbeit mit Fledermäusen – und generell im Tierschutz – nicht nur von Aufwand geprägt, sondern auch durch haufenweise Anekdoten, die den Ehrenamtlern für immer im Gedächtnis bleiben.
Wie etwa die Erinnerung an „Pieksi“, den kleinen Mückenfledermaus-Mann, der nach einer unliebsamen botanischen Begegnung zum „flatternden Kaktus“ wurde. Pieksi wurde an einem sonnigen Junimorgen von den Findern in ihrem Kaktus entdeckt und vorsichtig aus seiner misslichen Lage befreit. „Als er bei uns in der Station ankam, war er ziemlich mitgenommen – den kleinen Mückenfledermaus-Mann plagten offensichtlich Schmerzen sowie ein großes Loch in der Flughaut. Drei Besuche bei unserer Tierärztin waren nötig, um alle Stacheln restlos zu entfernen. Nachdem sich Pieksi ein paar Wochen bei uns erholt hatte, ist er mit einem emotionalen Abschied, der sowohl ihm als auch uns nicht leicht fiel, wieder in die Nacht gestartet, wo er hoffentlich nie wieder einem Kaktus begegnet. Seine kleine große Persönlichkeit hat sich wie ein Kaktusstachel in unsere Herzen gebohrt“, erzählen die Ehrenamtler.
Oder die Geschichte von „Slippy“, der nicht nur in einer Privatwohnung Zuflucht suchte, sondern sich als besonders gutes Versteck ausgerechnet für eine am Boden liegende Herrenunterhose entschied... In dieser hatten die Ehrenamtler den Kleinen dann auch entgegengenommen. „Zum Glück lagen keine schlimmen Verletzungen vor, doch er war sichtlich traumatisiert und sein Gewicht war zu gering für die Jahreszeit. Drei Wochen hat unsere ,fliegende Unterhose‘ bei uns verbracht, bevor wir ihn gesund und gestärkt wieder in seinem Hof freilassen konnten, wo er in der Luft sichtbar von den anderen Fledis seiner Hood in Empfang genommen wurde“, verrät Funk.
Wer helfen möchte, kann sich unter [email protected] oder per WhatsApp unter Tel. 0172/2 52 26 60 (bitte nur schriftlich, keine Sprachnachrichten) melden.
Wer den Ehrenamtlern mit einer Finanzspritze helfen möchte, kann via PayPal ([email protected]) oder Überweisung an Fledermaus NRW e.V., IBAN DE85 5185 0079 1045 0155 28, spenden.
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