Unter seiner Trägerschaft steht auch das Jugendzentrum Inkult, das junge Menschen unterschiedlicher Herkunft begleitet und interkulturelle Begegnung fördert. Dabei gilt ein klarer Grundsatz: Alle Feste, die Kinder und Jugendliche mitbringen – ob Weihnachten, Ostern oder Ramadan – finden Anerkennung und Raum.
Gleichzeitig beobachten Fachkräfte des Trägers sowie Schulen eine Entwicklung, die zunehmend kritisch reflektiert werden muss. Während das Fasten früher vielfach selbstverständlich in den Alltag integriert wurde, erreichen das Heldennetzwerk gegen jegliche Art von Extremismus vermehrt Anfragen von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften, die sich im Umgang mit dem Thema unsicher fühlen.
Es geht um Fragen wie: Darf ein Kind wegen des Fastens vom Sportunterricht befreit werden? Ist es legitim, schulische oder außerschulische Bildungsangebote nicht wahrzunehmen? Wie ist damit umzugehen, wenn Leistungsabfall oder fehlende Teilnahme mit dem Ramadan begründet werden?
„Wir beobachten stellenweise eine besorgniserregende Opferhaltung, die Jugendlichen langfristig massiv schadet“, erklärt Umut Ali Öksüz, Vorstandsvorsitzender der Interkulturellen Projekthelden. „Wenn junge Menschen lernen, religiöse Praxis als Legitimation für Leistungsrückzug oder Pflichtvermeidung zu nutzen, dann vermitteln wir ihnen ein verzerrtes Bild unserer Gesellschaft. Das ist keine Sensibilität – das ist pädagogische Fahrlässigkeit.“
Öksüz wird noch deutlicher: „Ramadan ist ein Monat der Selbstdisziplin, nicht der Selbstentlastung. Wer fastet, trifft eine persönliche Entscheidung. Diese Entscheidung darf nicht dazu führen, Verantwortung abzugeben oder schulische Verpflichtungen relativieren zu wollen. Wir dürfen Jugendliche nicht in eine Sonderrolle drängen, die sie vom Leistungs- und Bildungsanspruch entkoppelt. Damit schwächen wir sie für ihre Zukunft.“
Deutschland ist historisch christlich geprägt und steht zugleich für Vielfalt und Religionsfreiheit. Jeder Mensch darf seine Religion frei ausüben, dieses Recht ist unverhandelbar. Gleichzeitig gilt in unserem Land die Schulpflicht.
„Gerade Bildung hat in den meisten Religionen, auch im islamischen Kontext, einen hohen Stellenwert. Der Erwerb von Wissen ist dort fest verankert. Es wäre ein fundamentaler Widerspruch, religiöse Identität gegen Bildungsanspruch auszuspielen“, so Öksüz.
Zudem sind Kinder vor Beginn der Pubertät sowie Kranke religiös ausdrücklich vom Fasten ausgenommen. Hier sieht das Heldennetzwerk einen klaren Aufklärungsauftrag gegenüber Eltern und Jugendlichen.
Mit wachsendem öffentlichen Interesse am Ramadan nehmen auch Iftar-Veranstaltungen (Fastenbrechen) deutschlandweit zu. Interkultureller Dialog ist wichtig und ausdrücklich erwünscht. Gleichzeitig mahnt Öksüz zur Differenzierung:
„Beispielsweise Organisationen aus der Gülen-Bewegung bieten international, aber vor allem auch bundesweit Iftar-Abende an und nutzen religiöse Anlässe auch zur Netzwerkbildung. Dialog darf nicht dazu führen, dass wir ideologischen Strukturen unkritisch Räume eröffnen. Es gibt keinen guten Extremismus.“
Offenheit bedeutet nicht Naivität. Ebenso wenig darf das Thema von rechten Akteuren instrumentalisiert werden. Polarisierung schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt.
Mechtild Swertz, ehemalige Schulleiterin und stellvertretende Vorsitzende der Interkulturellen Projekthelden, betont:
„Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Gleichzeitig leben wir in einem Rechtsstaat mit klaren Regeln. Schulpflicht, Bildung und gesellschaftliche Verantwortung gelten für alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen. Das Leben ist kein Freifahrtschein, um sich Verpflichtungen zu entziehen. Gerade junge Menschen brauchen Klarheit, Orientierung und verlässliche Grenzen.“
Auch Mirac Göl, Jugendsprecher des Trägers, sieht hier eine wichtige Aufgabe der Gesellschaft:
„Viele junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen und ihren Weg gehen. Dafür brauchen sie ehrliche Botschaften. Religion kann Halt geben, aber sie darf nicht als Ausrede genutzt werden, um sich aus Bildung oder gesellschaftlicher Verantwortung zurückzuziehen. Integration bedeutet, Teil dieser Gesellschaft zu sein – mit Rechten, aber auch mit Pflichten.“
Im Jugendzentrum Inkult wird der Ramadan weder dramatisiert noch tabuisiert. Wie an Weihnachten oder Ostern wird auch im Fastenmonat gemeinsam gegessen, gesprochen und reflektiert. Vielfalt wird gelebt – jedoch ohne Sonderstatus und ohne Abstriche bei Verantwortung und Bildung.
Das Heldennetzwerk gegen jegliche Art von Extremismus berät Fachkräfte, Eltern und Jugendliche und setzt bewusst ein Zeichen gegen jede Form von ideologischer Einflussnahme sowie gegen eine Pädagogik der Opferzuschreibung.
„Unser Ziel ist eine selbstbewusste, aufgeklärte junge Generation“, so Öksüz abschließend. „Religionsfreiheit bedeutet nicht Rückzug aus Verantwortung. Sie funktioniert nur im Zusammenspiel mit Bildung, Eigenverantwortung und demokratischen Grundwerten.“