1. Neuss

Fromme Worte zum Osterfest

Fromme Worte zum Fest : „Von der Kraft des Lebens, die sich durch Trauer und Furcht nicht auffressen lässt“

Sebastian Appelfeller, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Neuss-Süd – Bezirk II und Vorsitzender des Gemeindeverbandes Neuss, erinnert sich gerne an die Tulpen seiner Oma, an die ökumenischen Augenblicke, an die enorme Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Was es damit auf sich hat, lesen Sie in seinem Gastbeitrag zum Osterfest:

„Ich muss gleich rein. Also trinken Sie in Ruhe aus, aber dann muss ich gleich rein.“ 

Zwei Jahre ist das nun her, dass ich mich am Ostermorgen ins Quirinusmünster aufgemacht habe. Es war das Jahr 2020 und damit das erste Jahr mit Corona. Und ich erinnere mich noch gut, wie alle Gottesdienste abgesagt waren und ich mich mit ein paar wenigen katholischen Geschwistern zum Gebet am Ostermorgen in der Krypta von St. Quirin getroffen habe. Unglaublich weit weg scheint das heute. Vielleicht zum Glück. Und viel ist ja auch seitdem passiert. Der Autokinogottesdienst zu Ostern 2021 zum Beispiel, Gabenzäune an vielen Orten in der Stadt Neuss, Impfkampagnen und vieles mehr. An den Frieden in dieser Krypta morgens zwischen Menschen aus verschiedenen Konfessionen, die Corona zusammengebracht hatte, erinnere ich mich noch gut. Wir wären nie so zusammengekommen, wir hätten doch normalerweise selbst alle eigene Gottesdienste gehabt. Ein Glas zum Anstoßen stand im Pfarrgarten bereit. Innen war das ja ohne Maske eh nicht erlaubt. Und dann der Hinweis: „Gleich fängt es an!“ Der Papst in Rom sendet seine Friedensbotschaft im Fernsehen. Urbi et orbi. Der Welt und dem Erdkreis. Mir war dieses Ritual immer etwas fremd gewesen und doch lange bekannt. Meine evangelische Großmutter aus den Niederlanden wiederholte die Worte jedes Jahr zu Ostern mit dem Zusatz: „Und danke für die Tulpen aus den Niederlanden.“

Heute, zwei Jahre später, frage ich mich nun selbst: Wie wird das wohl in diesem Jahr klingen? In einem Jahr, in dem auf einmal der Friede so weit entfernt scheint. In einem Jahr, in dem es die Osterbotschaft schwer hat gehört zu werden. In einem Jahr, in dem Ostermärsche für den Frieden mit dem Vorwurf der Naivität konfrontiert sind. In einem Jahr, in dem uns die schrecklichen Bilder aus Mariupol, aus Butscha und den vielen anderen Orten in der Ukraine täglich begegnen. In einem Jahr, in dem es leichter scheint, mit dem Karfreitag die Frage nach dem Sinn des Leidens zu stellen, als am Sonntag mit viel fröhlicher Musik ein Halleluja auf den Sieg des Lebens anzustimmen.

Doch wenn ich an diesem ersten Ostermorgen in der Coronazeit etwas gelernt habe, dann Ausschau zu halten. In den großen, teils auch schmerzvollen Herausforderungen der letzten beiden Jahre die Augen offen zu halten für die kleinen Momente, in denen sich das Leben doch Bahn bricht. Wie die Tulpen bei meiner Oma. Wie die Frühlingsblumen auch hier in unseren Gärten und die Knospen an unseren Bäumen: Sie waren ja, sie sind ja da, und sie sind zahlreich: Momente von Solidarität und Leben, wie eben jener ökumenische Moment am Ostermorgen 2020 in der Krypta. Oder bei den vielen kreativen und selbstlosen Bemühungen in unserer Stadt, um die Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Und es gab auch die Momente von gemeinsamem Aushalten, wenn so viel Sicherheit um uns herum zu zerfallen drohte.

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Blicke ich auf die Ostergeschichte, dann lese ich von Menschen, denen es ähnlich ging. Ich lese von Menschen unter dem Kreuz, die sich solidarisch zeigten, als sie selbst nichts mehr bewirken konnten. Ich lese von der Enttäuschung all derer, die am Palmsonntag noch die große Zeitenwende erwartet hatten, in der sich die Welt mit einem lauten Knall zum Besseren verwandeln würde.

Und ich lese von der Angst der Menschen am Ostermorgen. Von tiefer Traurigkeit und Sorge, die es schwer gemacht haben, den neuen Anfang am Ostermorgen zu erkennen.

Doch – und das macht mir Mut – ich lese auch von einer Kraft des Lebens, die sich durch Trauer und Furcht nicht auffressen lässt. Fast ein wenig trotzig bleibt die Ostergeschichte bei ihrer Botschaft. Dass etwas Gutes in der Welt möglich sei, selbst da, wo noch Schmerz und Trauer ist. So wie wir auf das schmerzende Knie eines Kindes pusten und die blutende Wunde zwar nicht verschwindet, sich die Welt aber in diesem Moment zum Guten verändert. Mit diesem Blick schaue ich erneut in die Nachrichten. Und sehe die vielen Menschen in Polen und anderswo, die Hilfe leisten für Fremde. Ich schaue nach Neuss und erlebe die riesige Hilfsbereitschaft all derer, die sich nicht damit abfinden wollen, dass nun mal alles ist, wie es ist. Ich sehe erste Kinder in unseren Schulen, die dem Horror entkommen sind und die hier eine neue Perspektive bekommen. Ich höre von Menschen, die ihr Zuhause mit Fremden teilen und die ehrenamtlich viel bewerkstelligen. 

Und nun? Ist mein Blick hier zu Ende? Ist das schon alles und die große Zeitenwende damit erfüllt? Frieden zu Ostern? Vielleicht nicht, aber es ist Ausdruck der Hoffnung, dass Leben auch da möglich ist, wo wir es nicht erwartet haben. Dass sich Frieden, Leben und Hoffnung einen Weg bahnen. Und dass es Sinn macht, ihnen dabei zu helfen. Dies alles ist Ausdruck einer Sehnsucht und Hoffnung, die wir zu Ostern verspüren und die zugleich die Kraft hat, unseren Blick zu verändern. Und sollte der Papst in diesem Jahr trotzig diese Hoffnung in die Welt und den Erdkreis rufen, dann denke ich an meine Oma und die Tulpen im Garten. Wie sie langsam gewachsen sind und wie sie doch von der Schönheit des Lebens erzählen.

Mit der Bitte um Frieden und gesegnete Osterwünsche für Sie alle

Ihr Sebastian Appelfeller

Auch der katholische Oberpfarrer Andreas Süß hat für den Stadt-Kurier seine Gedanken zum Osterfest formuliert. Lesen Sie seinen Gastbeitrag auf Seite 3