Was Dirk Jansen, Vorsitzender des Stadtelternrats Neusser Schulen, zur Situation an den Schulen zu sagen hat

Interview mit Dirk Jansen, Vorsitzender des Stadtelternrats Neusser Schulen : Schul- statt Rathausfenster aufgerissen...?

Wie ist die Stimmung an Neusser Schulen? Welche Maßnahmen machen in Corona-Zeiten Sinn? Wo sollte die Stadt handeln? Diese und weitere Fragen beantwortet Dirk Jansen (45), Vorsitzender des Stadtelternrats, im Interview mit unserer Zeitung.

Stadt-Kurier: Herr Jansen, wer ist zurzeit gereizter: Lehrer, Eltern oder Schüler?
Dirk Jansen: Gute Frage! Lehrer stehen unter Dauerstress, sie müssen ständig neue Vorgaben erfüllen. Vorgaben, die heute gefordert und erwartet werden, haben morgen keine Gültigkeit mehr. Die Eltern erleben die gesamte Zeit wie auf einem Pulverfass. Wenn das Telefon klingelt und die Nummer der Schule zu sehen ist, denken sie gleich an Auswirkungen der Corona-Krise. Das setzt das ganze Familienleben unter Stress. Bei den Schülern habe ich teilweise den Eindruck, dass sie besser mit der Krise umgehen als wir vermuten. Sie können sich sehr schnell auf neue Gegebenheiten einlassen. Meine Tochter beispielsweise geht in die fünfte Klasse. Sie hatte nie ein Problem damit, eine Maske zu tragen.

Was war die letzte gute Nachricht, die Sie in diesem Jahr zum Thema Schule erhalten haben?
Die letzte gute Nachricht kam aus dem Rathaus, als die Stadt rund 3.000 iPads für Neusser Schulen besorgt hatte und jetzt auch Leihgeräte kostenfrei fürs Homeschooling verleiht. Das funktioniert wunderbar und betrifft nicht nur bedürftige Familien, sondern auch Familien mit mehreren schulpflichtigen Kindern.

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Leider gibt es aber auch zahlreiche schlechte Nachrichten. Rechnen Sie mit einer Verschärfung der Maßnahmen in den Schulen?
Definitiv! Wer sagt, dass in Schulen keine Gefahr vor Corona-Ansteckungen besteht, weiß dass das gelogen ist.

Auch in Neuss waren und sind Schulen betroffen?
Auf Anhieb fallen mir da besonders die Pestalozzi-Grundschule und die Gesamtschule Nordstadt ein. Letztere musste sogar schließen. Ebenfalls betroffen – mal mehr, mal weniger schlimm – waren bisher zum Beispiel die Dreikönigenschule, die Gesamt-

schule Norf, die Richard-Schirrmann-Schule in Hoisten, die Görresschule und die Grundschule Kyburg in Weckhoven.

Woran hat’s gelegen?
Unter anderem ist die Durchmischung der Schüler in den Mensen und vor allem in den OGATAs der Grundschulen ein Riesenproblem. Ein extremes Beispiel: Die Martin-Luther- und die Kreuzschule nutzen gemeinsam eine Mensa. Wo bleibt da die Trennung der Schüler untereinander? Mit diesen Themen werden die Schulleiter allein gelassen.

Der Stadtelternrat hat die Installation von Luftfilteranlagen in allen Klassenräumen der Neusser Schulen gefordert, die Stadt hat dies abgelehnt. Was sagen Sie dazu?
Sind Luftfilteranlagen die große Lösung? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall würden sie helfen und auch den Krankenstand von Lehrern und Kindern mit Erkältung reduzieren. Auch ohne Corona wären sie also eine gute Investition in die Zukunft. Doch Bürgermeister Reiner Breuer sieht hier keinen Handlungsbedarf, die Infektionszahlen sind seiner Ansicht nach nicht so hoch. Dabei gibt es statistisch gesehen in jeder zweiten Schulklasse einen Corona-Fall.

Sie haben auch andere Maßnahmen als den Luftfilter gefordert.
Genau, im ersten Lockdown hatte die CDU die Anschaffung von Plexiglas-Trennscheiben beantragt, die Linken wollten die Schulreinigung in städtische Hände statt an externe Firmen vergeben. Diese haben wir als Stadtelternrat unterstützt. Wenn wir das alles durchgezogen hätten, wäre Neuss eine echte Vorreiter-Stadt gewesen. Da hätte ich mir von unserem Bürgermeister mehr Einsatzbereitschaft und Empfänglichkeit in der Sache gewünscht – die hat es leider nicht gegeben. Dabei kann bei 25 plus x Kindern in einer Klasse das Öffnen der Fenster nicht die Dauerlösung sein. Im Wahlkampf hat Herr Breuer versprochen, die Rathausfenster weit aufzureißen. Da hat er wohl die Schulfenster gemeint... (Jansen schmunzelt). Fakt ist: Wir müssen in Schule investieren, nicht nur die Fenster öffnen, auch die Türen...

Und wie soll das Ganze finanziert werden?
Das zu bestimmen ist Aufgabe von Bund, Ländern, Schulverwaltungsamt... Das Geld muss an den richtigen Stellen ausgegeben werden. Da wird zum Beispiel 20 Jahre lang an der Fleher Brücke rumgearbeitet, um jetzt festzustellen, dass sie abgerissen werden muss. Hier wurde jahrelang kein Geld in die Hand genommen – genau wie in den Schulen.

In welchen Schulen sehen Sie dringenden Handlungsbedarf in Sachen Sanierung?
Das sind zum Beispiel die Albert-Schweitzer-Schule in Reuschenberg, das Nelly-Sachs-Gymnasium und die Janusz-Korczak-Gesamtschule – aber fragen Sie mich lieber, welche Schule in Neuss nicht sanierungsbedürftig ist! Die meisten Gebäude sind einfach alt – und das ist nicht die Schuld der Schüler. Sie müssen mit einem schlechten Lernraum klarkommen. Und ich kann auch den Frust der Lehrer verstehen, deren Arbeitsplatz Schule sich oft in desolatem Zustand befindet.

Welche schnellen Maßnahmen würden Sie vorschlagen?
Ich bin eher ein Freund der langfristig wirksamen Maßnahmen. Die Zahl der Schüler in den Klassen muss halbiert werden – 25 plus x ist einfach zu viel. Nehmen Sie zum Beispiel die Gesamtschule Norf. Sie hat sechs fünfte Klassen mit je 25 Schülern, und das geht in den folgenden Klassenstufen weiter. Das sind rund 1.300 Schüler und circa 150 Lehrer. Das ist eine Lernfabrik und keine Schule.

Die Halbierung der Klassen würde auch den Lehrerberuf wieder attraktiver machen. Zudem würde uns das in Sachen PISA, wo wir stets eins der Schlusslichter sind, weit nach vorne bringen.

Kleinere Klassen wären also Ihrer Ansicht nach ein Mittel im Kampf gegen Corona. Was könnte noch helfen?
Zum Beispiel die Einführung von variablen Unterrichtsbeginn-Zeiten. Ein versetzter Schulbeginn könnte den ÖPNV und auch die Elterntaxis entzerren. Dringender Handlungsbedarf herrscht allerdings bei der Ausstattung mit Glasfaser, die wir schon 2019 – vor Corona – in unserem Forderungskatalog formuliert hatten. Ein Hochleistungs-Internetzugang pro Schule war unsere Forderung, damit gutes Homeschooling möglich wird. Bis Sommer 2020 sollte das eigentlich erledigt sein... Wie sagt man so schön: Wer etwas nicht will, findet Gründe. Wer etwas will, findet Wege.

Sie sind also mit der Unterstützung durch die Stadt nicht zufrieden?
Bürgermeister Reiner Breuer hat für uns stets ein offenes Ohr, wir haben einen regen Austausch. Aber hier fehlt mir die Beweglichkeit. Der Welpenschutz ist vorbei, jetzt muss geliefert werden. In einer Stadt wie Neuss muss mehr Bewegung in der Schullandschaft herrschen, es muss in die Zukunft unserer Gesellschaft investiert werden – und da werden wir uns festbeißen.

Zum Abschluss haben Sie einen Weihnachtswunsch frei...
Dann wünsche ich mir, dass in der Schulverwaltung mehr Macher aktiv werden – und keine reinen Verwalter!

Herr Jansen, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Rolf Retzlaff.