1. Kaarst

Entwicklung in den Kaarster Gewerbegebieten

Entwicklung in den Kaarster Gewerbegebieten : „Wir wollen nur Unternehmen haben, die auch perfekt zu Kaarst passen“

AES Motomation, das erste Unternehmen, das im Gewerbegebiet „Business Square“, Kaarst Ost, baut, wurde 1998 gegründet und hatte seinen Sitz bisher in Meerbusch. Seit 2003 gibt es eine Niederlassung in den USA (Freemont, Silicon Valley), 2019 wurde die Internationalisierung mit einem weiteren Standort im taiwanesischen Taichung fortgesetzt. Ein Neuzugang, wie ihn sich die Stadt Kaarst lange gewünscht hat.

Kaarst. Das Unternehmen beschäftigt derzeit elf hoch qualifizierte Mitarbeiter, davon sechs Ingenieure, und zwei Techniker. 2022 sollen vier und 2023 weitere sechs Einstellungen folgen.

Paul Waltner, Geschäftsführer und Gründer von AES Motomation, hatte zum ersten symbolischen Spatenstich eine ganz besondere Wasserwaage mit nach Kaarst gebracht: „Mit dieser Wasserwaage haben bereits mein Vater und mein Großvater ihre Häuser gebaut. Diese Waage steht für unser Selbstverständnis: Wenn es uns gelingt, alles in der Balance zu halten, dann werden wir erfolgreich sein.“

Waltner betonte in seiner kurzen Rede, bei der Suche nach dem neuen Unternehmenssitz in Kaarst das beste Gesamtpaket vorgefunden zu haben: „Hier versteht die Verwaltung das Denken von Unternehmern. Die Stadt hat eine erstklassige Wirtschaftsförderung, mit der wir sehr gut zusammengearbeitet haben. Mein Dank gilt aber auch der Bau-Verwaltung, wo wir mit unseren Ideen immer auf offene Ohren gestoßen sind. Jetzt hoffe ich, dass wir schnell gute Nachbarn bekommen.“

Bürgermeisterin Ursula Baum dämpft allerdings die Erwartungshaltung hinsichtlich kurzfristiger weiterer Spatenstiche in Kaarst-Ost: „Der Masterplan aus dem Ideenwettbewerb zu diesem Gewerbegebiet passt nicht mehr zum Zeitgeist. Durch Corona haben sich die Transformationsprozesse in der Arbeitswelt beschleunigt.“ Das ursprüngliche Konzept erscheint nicht mehr zeitgemäß.

Für die Kaarster Wirtschaft ist die Vermarktung der Gewerbeflächen eines der brennendsten Themen. Mit dem Geld aus dem Verkauf und den Einkünften aus der Gewerbesteuer gilt es immerhin, Löcher im Stadtsäckel zu stopfen. Bürgermeisterin Ursula Baum, die vor über einem Jahr die Wirtschaftsförderung zur Chefinensache erklärte und der Chef der Kaarster Wirtschaftsförderung, Axel Süßbrich, geben deshalb einen Überblick über die aktuelle Situation. Als Baum und Süßbrich ihre Aufgabe begannen, hatte Kaarst 36 Gewerbergrundstücke zu verkaufen – so viel wie noch nie zuvor. Seitdem hat sich einiges getan: Im Dezember 2020 lag die verkaufte Fläche (von fünf Gebieten mit insgesamt 151.717 Quadratmetern) bei 23.605 Quadratmetern und im Dezember 2021 lag sie bereits bei 70.834 Quadratmetern.

  • Die Weihnachtswunschbaum-Aktion im Kaarster Rathaus ist
    Wunschbaum im Kaarster Rathaus : Kaarster erfüllen wieder bescheidene Wünsche zum Weihnachtsfest
  • Die Martinsklause wurde abgerissen. Das  dürfte
    Kultkneipe „Martinsklause“ muss der „Neuen Kaarster Mitte“ weichen : Ein Wahrzeichen verschwindet
  • In Kaarst müssen viele unterschiedliche Verkehrsteilnehmer
    Kaarster Mobilitätskonzept : So geht es weiter mit dem Verkehr

Baum und Süßbrich gehen offen damit um, dass die Vermarktung des alten Ikea-Standortes an der Neersener Straße, Projektname „Business-Square“, so etwas wie das Sorgenkind der Wirtschaftsförderung ist. Die Vermarktung der Grundstücke ist ins Stocken geraten – Schuld daran ist Corona. Der „Business-Square“ wurde als reiner Büro-Komplex geplant. Während der Pandemie jedoch waren Büros nicht mehr gefragt. Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter reihenweise ins Homeoffice und viele Firmen, selbst solche, die anfangs skeptisch waren, lernten die Vorzüge des mobilen Arbeitens zu schätzen. Baum: „Die alten Zeiten werden nicht zurückkehren und der Bedarf an neuen Büros wird so schnell nicht wieder wachsen. Es sind also andere Lösungen gefragt.“ 

Ein Umdenken der Verantwortlichen könnte helfen: „Deshalb habe ich die Fraktionen eingeladen, die Ansiedlungskriterien gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung noch einmal zu prüfen. Wir haben Interessenten für die umliegenden Grundstücke – solide und gute Unternehmen – die wegen des Masterplans nicht zum Zuge kommen. Dies kann nicht im Interesse der Stadt sein“, so die Bürgermeisterin.

Grundsätzlich sei es kein Problem, die Kaarster „Filetstücke“ an den Mann zu bringen, doch Baum und Süßbrich wollen Qualität. „Wir könnten jedes der zur Verfügung stehenden Gewerbegebiete jeden Tag komplett vermarkten“, behauptet Baum, „Interessenten gibt es genug, aber wir wollen nur Premiumpartner. Unternehmen, die perfekt zu Kaarst passen, bei denen alles stimmt“.

Zu diesem Zweck wurden die Werbemaßnahmen in den vergangenen Monaten deutlich aufgestockt, Kaarst ist jetzt bei allen relevanten Immobilienportalen zu finden, ausführliche Exposés zu den Immobilien wurden in sieben verschiedene Sprachen übersetzt und vieles mehr. Schwieriger wird es da schon mit der Auswahl der richtigen Bewerber, doch dazu hat die Wirtschaftsförderung einen Fragebogen entworfen, den jeder Anwärter ausfüllen muss und der Aufschluss darüber gebe soll, wie gut sich sein Unternehmen eignet. Baum: „Es gibt qualifizierte Anfragen und nicht qualifizierte Anfragen. Uns interessiert, wie viele Arbeitsplätzen der Anbieter mitbringt, wie viel Gewerbesteuern er zahlen wird, wie es mit Ausbildungsplätzen und Nachhaltigkeit aussieht, mit der wirtschaftlichen Stärke und vieles mehr. Es gibt ein Punktesystem, das von eins bis 100 reicht. 70 bis 90 Punkte sind empfehlenswert, über 90 ist sehr empfehlenswert und alles, was unter 70 ist, fällt durch.“

Als Verkaufsschlager hat sich dabei der „Digital-Square“ an der Bismarckstraße vor den Toren Holzbüttgens erwiesen. Dort sind bereits 90 Prozent der Fläche vermarktet. Lange sah es ruhig aus am Gewerbegebiet Platenhof, an dem sich hautsächlich Kaarster Mittelständler ansiedeln sollen. Die begonnenen Bauarbeiten ruhten. Doch auch hier sind die Verhandlungen über alle verfügbaren Grundstücke mittlerweile weit gediehen. Schwierigkeiten gab es bei dem Bau der Erschließungsstraße. Die Baufirma musste eine Pause eingelegen, da mehrere Mitarbeiter sehr schwer erkrankt waren. Als Folge der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal war es darüber hinaus in ganz Deutschland schwer, überhaupt Baufirmen zu bekommen. Ursula Baum: „Wir haben uns vorgenommen, dass wir nur Grundstücke vermarkten, die auch tatsächlich baureif sind, sonst gibt es zu viele Unwägbarkeiten. Und das wollen wir nicht.“ Thomas Broich