Wird ein Kinder- und Jugendzentrum zur Konkurrenz? Ist die SG Erfttal noch zu retten? Was der Vorsitzende dazu sagt

Erfttal · „Die Stadt will unseren Verein bewusst abwickeln, will uns austrocknen!“ Yasar Çalik, Vorsitzender der SG Erfttal, wählt deutliche Worte: Er befürchtet, dass das geplante Sport- und Sozialzentrum für Kinder und Jugendliche auf dem Kirmesplatz das Aus für die Sportgemeinschaft bedeutet. Und er kontert mit einem äußerst ambitionierten Konzept.

Yasar Çalik, Vorsitzender der SG Erfttal, fürchtet um die Existenz der Sportgemeinschaft und arbeitet an einem ambitionierten Konzept.

Foto: Kurier Verlag/Rolf Retzlaff

Ortstermin im Vereinsheim der SG Erfttal: Hier herrscht vereinsübliche Gemütlichkeit, einfach und sauber. Çalik und die SG-Kassiererin Ellen Oscheja sitzen an einem der hölzernen Tische. Sie erinnern sich an die heiße Phase, als sich im Frühjahr 2025 bis zu 200 Mitglieder abgemeldet hätten – aus Angst vor Schließung der Sportanlage. „Davon hörten wir zum ersten Mal im Sportausschuss, wir sollten hinter unserem Rücken beerdigt werden“, so Çalik. Jetzt ist dieses Vorhaben vorerst vom Tisch.

Bereits 2021 wurde die Bezirkssportanlage durch Ratsbeschluss zu einer Sportanlage herabgestuft. Lediglich ein Ascheplatz steht hier den Kickern zur Verfügung. „Vor allem für Kinder und Jugend nicht attraktiv“, ärgert sich Çalik, dass das städtische Sportamt ihm zwar weitere Trainingszeiten auf einer anderen Sportanlage zur Verfügung gestellt habe – aber auch hier auf einem Ascheplatz ... Und trotz all dieser Hürden organisiere die SG alljährlich mit dem Novesia-Cup ein international besetztes Jugend-Fußballturnier. Çalik, dessen Verein 2013 die Verantwortung für die Sportanlage an der Parisstraße übernommen hatte, kommt jetzt mit einem sehr ehrgeizigen Konzept um die Ecke, das er demnächst vorstellen will. Er spricht von einem Kunstrasenplatz, einem Vereinsheim mit Gastronomie („Ich habe bereits einen Interessenten, der in den Restaurantbereich investieren möchte“) und Übernachtungsmöglichkeiten, von einer Skaterbahn, einer Calisthenics-Anlage und einer Fläche, auf der das Radfahren geübt werden könnte. Laut Çalik alles machbar mithilfe von Sponsoring und Finanzierung.

In einem sind sich Stadt, Politik und Stadtsportverband einig: In Erfttal herrscht Handlungsbedarf. Immerhin leben hier laut Çalik mehr als 1.800 Kinder und Jugendliche, davon viele in sozial benachteiligten Familien. Denen möchte der SG-Vorsitzende eine sportliche Heimat geben. Das Kinder- und Jugendsozialzentrum in direkter Nähe könnte da zum „Konkurrenten“ werden. Çalik beansprucht die Idee, eine solche Einrichtung zu realisieren, für sich und ärgert sich, „dass die SG Erfttal nur ein Achtel der Angebote übernehmen soll. Eine Vereinsstruktur gibt es dort überhaupt nicht.“

Die Stadt erklärt: „Für Erfttal wird es eine umfassende Kinder- und Jugendsportoffensive geben. Die Verwaltung beabsichtigt, hierfür den Aus- und Aufbau von interdisziplinären Kooperationen und zielgerichteten Angeboten zu fördern. Auch werden die infrastrukturellen Sport- und Bewegungsräume analysiert und Möglichkeiten zur Verbesserung von Zugängen zu Sport und Bewegung erarbeitet.“ Mögliche Synergien mit Kita, Schule und Jugendförderung sollten eine besondere Rolle spielen. Federführend werde das Sportamt der Stadt Neuss den Prozess steuern. „Die Einbindung aller sportanbietenden Institutionen, also auch der SG Erfttal, wird frühzeitig erfolgen“, heißt es aus dem Rathaus.

Meinolf Sprink, Vorsitzender des Stadtsportverbands Neuss, macht deutlich, dass „der organisierte Sportverein adäquate Angebote für Zielgruppen schaffen muss, nicht ausschließlich Fußball“. Der Stadtteil Erfttal brauche dringend Sportangebote für Kinder. Er verweist auf das Gesundheitsprojekt des Rhein-Kreises „Aufgeweckt 3.0“, das im vergangenen Jahr ebenso gemeinsam mit der SG angeboten worden sei wie die „Open Sundays“, offene und kostenlose, in Kooperation mit der TG Neuss durchgeführte Sportangebote in Erfttal. Projekte, die vom Verein nicht weitergeführt worden seien. „Ein starker Verein ist wichtig für Erfttal. Sport spricht viele Sprachen“, so Sprink mit Blick auf die multikulturelle Bevölkerungsstruktur im Stadtteil.

CDU und SPD haben auf einer gemeinsamen Klausurtagung zahlreiche Beschlussempfehlungen für den städtischen Haushalt 2026 formuliert. Eine der Forderungen: Die Herstellung einer neuen Kinder- und Jugendsportanlage in Erfttal soll mit oberster Priorität weiterverfolgt werden.

Am 14. April soll der „Sportgipfel“ von der Stadt zusammengerufen werden. Auf der Tagesordnung wird der neue Sportentwicklungsplan stehen, der voraussichtlich im Sommer/Herbst 2027 verabschiedet werden soll. Eins der „Gipfelthemen“ wird aber garantiert auch die Entwicklung der Sportangebote in Erfttal sein.