1. Neuss

Neusser Bürger haben Angst: immer mehr illegale Straßenrennen

Anwohnerinitiative Marienviertel fordert Maßnahmen : Bürger haben Angst: immer mehr illegale Straßenrennen

Szenario 1: Der Auspuff des „flotten Flitzers“ knattert und knallt, an der Bushaltestelle zucken die Menschen vor Schreck zusammen. Szenario 2: Tief in der Nacht, zwei Autos stehen auf dem Rheinwallgraben nebeneinander, geben Gas, ein Mann schwenkt die Startfahne – und los geht die Wettraserei. Illegale Autorennen und unrechtmäßig getunte Autos sorgen in Neuss für reichlich Ärger, die Zahl der Verdachtsfälle ist in diesem Jahr deutlich gestiegen.

2019 nahm die Polizei sieben Anzeigen wegen illegaler Autorennen auf. In diesem Jahr sind es bereits zwölf,“ wobei zehn Fälle auf eigene Feststellungen der Polizei zurückgehen. Hier sind immer andere Stadtteile betroffen, einmal sogar die Autobahn. Die beiden anderen Anzeigen resultieren aus Zeugenaussagen“, heißt es auf Anfrage des Stadt-Kuriers bei der Fachdirektion „Verkehr“ der Polizei im Rhein-Kreis Neuss. Die Aussagefähigkeit dieser Zahlen werde durch die Tatsache beeinträchtigt, dass auch im Rahmen von Verfolgungsfahrten der Straftatbestand der „Verbotenen Kraftfahrzeugrennen“ erfüllt werden könne.

Andreas Alberts, Vorsitzender der Anwohnerinitiative Marienviertel, sieht allerdings vermehrt Probleme mit illegalen Autorennen. Er kann sogar zwei „Rundkurse“ ausmachen: Adolf-Flecken-, Erftstraße, Benno-Nußbaum-Platz, Sebastianusstraße, Glockhammer, Spulgasse zurück über Hafenstraße sowie Batterie-, Rheintorstraße, Theodor-Heuss-Platz, Düsseldorfer Straße über die Brücke zur Römerstraße (hier werden auf dem Parkplatz nachts gerne mit quietschenden Reifen so genannte Donuts gefahren), Berliner Platz, links auf die Further Straße bis zum Hauptbahnhof.

„Hier werden auch besonders gerne Fehlzündungen provoziert“, berichtet Alberts von extremer Lärmbelästigung. Offenbar gibt es in Neuss auch zwei Szenen: diejenigen, die den Kick der illegalen Raserei suchen und jene, die mit ihren aufgemotzten Autos über die Straßen cruisen. Carsten Thiel, für die UWG/Freie Wähler im Stadtrat, sieht neben der Lärmbelästigung vor allem eine Gefährdung der Bürger durch die rasenden Fahrzeuge und hat eine entsprechende Anfrage sowohl im Kreistag als auch im Stadtrat gestellt. „Der Kreis hat die Angelegenheit lapidar an den Polizeirat verwiesen, die Stadtverwaltung hat an die Kreispolizeibehörde verwiesen“, ärgert sich Thiel.

Zudem hat die Verwaltung in ihrer Antwort an Thiel einen mobilen „Starenkasten“ aufgeführt, der flexibel eingesetzt werden könne. Und genau den habe Natalie Goldkamp (CDU), Anwohnerin in der Innenstadt und Kandidatin für den Stadtrat im Wahlkreis Innenstadt/Hammfeld, am Rheinwallgraben aufstellen lassen wollen, „doch das hat die Verwaltung abgelehnt, es würde aus Kostengründen keinen Sinn machen“. Thiel wettert: „Hier werden rechtsfreie Räume geschaffen!“ Der CDU-Landtagsabgeordnete Jörg Geerlings regt den vermehrten Einsatz fest installierter „Starenkästen“ an. „Das Problem illegaler Straßenrennen bekommt man allerdings nur mit massiven Kontrollen in den Griff“, erklärt er weiter. Diese Maßnahmen würden auch die Anwohnerinnen Jutta Krings und Karin Alberts begrüßen, denn sie werden vor allem an den Wochenenden nachts durch laute Motorengeräusche aus dem Schlaf gerissen.

Die Polizei bittet die Bürger um Mithilfe: „Natürlich werden illegale Rennen in aller Regel nicht vor den Augen der Polizei ausgetragen. Deshalb sind wir auf konkrete Hinweise – zum Beispiel Kennzeichen der Beteiligten – aus der Bevölkerung angewiesen“, so ein Mitarbeiter der Fachdirektion „Verkehr“. Wer annimmt Zeuge einer Straftat zu sein, sollte in jedem Fall die Polizei informieren (Tel. 02131/3000 oder im akuten Fall über den Notruf 110). Auch das einfache „Hochdrehen“ der Motoren könne einen Verstoß nach dem Landes-Immissionsschutzgesetz darstellen. Die Polizei im Rhein-Kreis Neuss habe beim Verkehrsdienst im Deliktsfeld illegal getunter Autos Spezialisten ausgebildet.

„Es sollte jedoch unterschieden werden zwischen den Verkehrsteilnehmern, die illegale Autorennen veranstalten – hier kommen übrigens gerne von Werk aus hochmotorisierte Leihfahrzeuge zum Einsatz – und der Autotuner-Szene, die sich in großen Teilen bei den baulichen Veränderungen ihrer Fahrzeuge im rechtlichen Rahmen bewegt und sich größtenteils ausdrücklich von der ,Raser-Szene‘ distanziert“, heißt es aus der Fachdirektion „Verkehr“. Carsten Thiel sieht auf jeden Fall genau wie die Anwohnerinitiative Marienviertel dringenden Handlungsbedarf. Der Ratsherr mahnt: „Vor rund zwei Wochen wurde ein sechsjähriges Kind in Dresden bei einem illegalen Straßenrennen totgefahren. Muss es in Neuss erst so weit kommen, bevor gehandelt wird?“