1. Neuss

Wir beten „Gemeinsam für Neuss“: Schulterschluss der Gemeinden

Wir beten „Gemeinsam für Neuss“ : Schulterschluss der christlichen, muslimischen und jüdischen Gemeinden

In Krisenzeiten rücken die Menschen – ideell betrachtet – enger zusammen. Auch die Konfessionen suchen den Schulterschluss: Unter dem Motto „Gemeinsam für Neuss“ beweisen die evangelische und katholische Kirche, die muslimische und die jüdische Gemeinde, dass der Zusammenhalt in Neuss auch über religiöse Grenzen hinaus funktioniert. Unterstützung gibt es aus der Politik.

Die beiden christlichen Kirchen werden wie bisher jeden Tag um 19.30 Uhr die Glocken läuten lassen und so zum gemeinsamen Gebet aufrufen – leider nicht in den Gotteshäusern, sondern in den eigenen vier Wänden. Aber die Gläubigen wissen: „Gerade jetzt betet der Pfarrer mit uns.“ Jetzt werden auch die muslimischen Gemeinden vom Minarett der Norfer Moschee aus und auf der Gielenstraße freitags gegen 13.30 Uhr ihren Gebetsruf erklingen lassen. In dieser Woche hat sich auch der marokkanische islamische Kulturverein Neuss der Aktion angeschlossen. Der Gebetsruf wird von der Moschee an der Bockholtstraße zu hören sein.

Die jüdische Gemeinde Düsseldorf/Neuss unterstützt die Aktion auf ideelle Art. „Wir haben zurzeit kein Gotteshaus in Neuss, Gottesdienste finden nicht statt“, erklärt deren Koordinator in der Quirinusstadt Bert Römgens, „aber wir als jüdische Gemeinde sind Teil der Neusser Stadtgesellschaft und tragen diesen Gebetsaufruf mit.“

Die Idee zu der Aktion hatte Ogün Yilmaz, Vorsitzender der islamischen Gemeinde in Norf. „Die Moscheen und Kirchen sind zu, ihre Türen geschlossen“, sagt Yilmaz, „das betrifft alle Gläubigen in Neuss.“ Er macht deutlich, dass seine Gemeinde bereits verschiedene Aktionen für das Gemeinwohl auf die Beine gestellt hatte. So gehen Gemeindemitglieder für ältere Menschen einkaufen, auch wurde unter anderem den Mitarbeitern von Polizei und Ordnungsamt sowie den Krankenhäusern gedankt. Mit seiner Idee unter dem Motto „Gemeinsam für Neuss“ wandte er sich an den SPD-Stadtverordneten Hakan Temel, der schließlich den Ball ins Rollen brachte. „Jede Gemeinde ruft auf ihre Art und Weise zum Gebet auf, aber wir beweisen dennoch Gemeinschaft. Die Vertreter der verschiedenen Konfessionen ziehen an einem Strang“, erklärt Temel, „gemeinsam wird für Neuss gebetet.“

Auch Kreisdechant Monsignore Guido Assmann steht der Aktion positiv gegenüber: „Grundsätzlich begrüße ich es, wenn Glaubensgemeinschaften ihre Gläubigen zum Gebet aufrufen und für etwas Gutes beten.“ Zudem unterstütze er das hohe Gut der Religionsfreiheit. Aber er macht auch deutlich, dass der Ruf des Muezzin nicht mit dem Glockengeläut gleichzusetzen sei. Ersteres sei „ein Bekenntnis zu einer bestimmte Religion, das Läuten hingegen ist ein neutraler Klang.“ Über die Unterstützung der Aktion durch die Jüdische Gemeinde freut sich Assmann als Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sehr.

Die evangelische Gemeinde wird vertreten durch Anke Johanna Scholl, Pfarrerin der Versöhnungskirche und Beauftragte für christlich-muslimische Gespräche in Neuss. „Die interkulturelle und interreligiöse Zusammenarbeit liegt uns sehr am Herzen“, weiß sie und macht gleichzeitig deutlich, dass in Neuss die Christen, Muslime und Juden im Laufe des Jahres immer wieder mit verschiedenen Aktionen die Kontakte pflegen.

Die Aktion „Gemeinsam für Neuss“ soll Gläubigen in der Coronakrise Kraft und Zuversicht geben. Ist die Pandemie überstanden, will Temel die Protagonisten an einem Tisch zusammenkommen lassen. „Dann können wir weiter planen, wie die religiösen Vertreter gemeinsam Neuss weiter voranbringen“, so Temel.

Doch jetzt steht erst einmal das gemeinsame Beten an – räumlich und zeitlich getrennt, aber dennoch für eine gemeinsame Sache – für die Kranken, Sterbenden und Notleidenden in dieser schweren Zeit.