Wohlfahrtsverbände in Neuss wollen drastische Sparmaßnahmen verhindern Kitas in Not – Aktionswoche „Black Week“: „Gehen bald die Lichter aus?“

Neuss · Wenn von der „Black Week“ die Rede ist, bekommen Schnäppchenjäger leuchtende Augen, doch in den vergangenen Tagen bekam dieser Begriff eine neue Bedeutung: Die Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege hatten zu einer Aktionswoche „gegen den Ausverkauf der sozialen Landschaft in NRW“ aufgerufen: „Wir sehen schwarz, wenn sich nicht endlich etwas ändert!“

Sie „sehen schwarz, wenn sich nicht bald etwas ändert“ (v.l.): Svenja Butzmühlen, bei der Diakonie Rhein-Kreis Neuss Ansprechpartnerin für den Bereich Kindertageseinrichtungen, Karolina Langos-Singawi, Leiterin der Kita „Wirbelwind“ und Bernd Gellrich, Vorstand der Diakonie Rhein-Kreis Neuss.

Sie „sehen schwarz, wenn sich nicht bald etwas ändert“ (v.l.): Svenja Butzmühlen, bei der Diakonie Rhein-Kreis Neuss Ansprechpartnerin für den Bereich Kindertageseinrichtungen, Karolina Langos-Singawi, Leiterin der Kita „Wirbelwind“ und Bernd Gellrich, Vorstand der Diakonie Rhein-Kreis Neuss.

Foto: Kurier Verlag/Rolf Retzlaff

Ortstermin in der Kita „Wirbelwind“ in der Nordstadt: Rot-weiße Absperrbänder zieren den Eingangsbereich, alle Erziehrinnen tragen schwarze Kleidung, eine Mauer aus schwarzen Kästen ist mit Zetteln gespickt: „Keine Mittel für Spiele, Bücher, Bildungsmaterial“, „Fachkräftemangel“, „Extreme Bürokratie“, „Reichen Ihnen Öffnungszeiten bis 14.30 Uhr?“ – Formulierungen, die zum Nachdenken anregen sollen und Teil der bundesweiten Aktion sind. „Alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände Neuss machen hier mit“, erklärt deren Sprecher Jens Röskens, auch Geschäftsführer des SkF Neuss. Da werden schwarze Rosen gebastelt, besagte „schwarze Mauern und Stolpersteine“ mit Schlagworten und mahnenden Worten aufgebaut, Plakate werden aufgehängt, Postkarten an die Eltern verteilt, mit denen der Forderung nach geeigneten personellen Rahmen- und Arbeitsbedingungen Nachdruck verliehen werden kann. Viele Aktionen werden auf Facebook und Instagram dargestellt. Der Betrieb in den Einrichtungen lief während den Aktionen natürlich weiter.

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Wohlfahrtsverbände mit einer großen Demo in Düsseldorf auf das „das leise Sterben der sozialen Infrastruktur in Nordrhein-Westfalen“ aufmerksam gemacht – allerdings mit wenig Erfolg. Zwar schüttete das Land 100 Millionen Euro Überbrückungshilfe aus, doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Bernd Gellrich, Vorstand der Diakonie Rhein-Kreis Neuss, Träger von zwölf Kindertagesstätten: „Das waren pro Kita rund 1.300 bis 1.500 Euro.“ Er rechnet vor: „Der Bedarf liegt bei rund 580 Millionen Euro.“ Den Riesenbatzen machen die gestiegenen Gehaltskosten der Erzieherinnen und Erzieher aus. „Wenn das so weiter geht, müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen“, weiß Gellrich. Zwar werde beim Fachpersonal noch nicht gespart, allerdings bei den Hilfskräften wie Alltagshelfern oder FSJlern. „Auch sparen wir Sachkosten ein; das kann ein gestrichener Ausflug oder ein Sommerfest ohne Hüpfburg sein“, weiß Svenja Butzmühlen, bei der Diakonie Rhein-Kreis Neuss zuständig für den Bereich Kindertageseinrichtungen. Und Karolina Langos-Singawi, Leiterin der Kita „Wirbelwind“ in der Nordstadt“, macht deutlich: „Das Niveau der Betreuung darf sich nicht verschlechtern!“ Deshalb müsse auch Geld für Aus- und Weiterbildungen ausgegeben werden, gerade im Sinne der Inklusion, „damit die Kitas nicht zur Aufbewahrungs- statt Bildungsstätte werden“, findet Langos-Singawi deutliche Worte.

„Die dramatische Unterfinanzierung betrifft alle sozialen Einrichtungen in NRW“, ärgert sich Jens Röskens – von der Schuldnerberatung und der Wohnungslosenhilfe bis zum Frauenhaus.

 In der Kita Arche Noah (in Trägerschaft des SkF Neuss) wurden unter anderem schwarze Rosen gebastelt.

In der Kita Arche Noah (in Trägerschaft des SkF Neuss) wurden unter anderem schwarze Rosen gebastelt.

Foto: SkF Neuss

Auch Bürgermeister Reiner Breuer sieht hier dringenden Handlungsbedarf: „Das Land ist in der Pflicht, eine ausreichende Finanzierung für die Betreuung der Kita-Kinder sicherzustellen.“ Aber er stellt Hilfe in Aussicht: „Wir als Stadt werden die Eltern und Kinder nicht im Stich lassen und befinden uns bereits im Dialog mit den Kita-Trägern um auf städtischer Ebene eine Lösung zu finden.“