1. Neuss

Covid-19 im Rhein-Kreis Neuss: „Noch mindestens fünf harte Monate“

Zweite Covid-19-Welle : „Noch mindestens fünf harte Monate“

Im September ist das Corona-Testzentrum von der Nordstadt in die neuen Räumlichkeiten an der Hammer Landstraße 51 umgezogen. Dort werden auf 300 Quadratmetern in drei Untersuchungsräumen stündlich bis zu 40 Corona-Tests durchgeführt. Eine deutliche Verbesserung zur Situation zum Jahresbeginn. Mit entsprechend mehr Personaleinsatz können die Test-Kapazitäten immer flexibel angepasst werden. Bei steigenden Fallzahlen können bis zu drei weitere Untersuchungsräume eingerichtet werden. Neuss ist gerüstet für die zweite Welle, doch das sollte nicht dazu verleiten, die Coronagefahr auf die leichte Schulter zu nehmen.

Dr. Guido Pukies hat bis Mitte des Jahres das Coronatestzentrum geleitet. Im Interview berichtet er von dieser intensiven und aufreibenden Zeit. Da er anfänglich für einen Zeitraum von vier Wochen als Leiter eingeplant war, fühlte sich Pukies nach etwa vier Monaten „ziemlich durch“. Doch auch nach seinem Rückzug ist in seinem jetzigen Leben als „einfacher“ Hausarzt von Alltag keine Rede. „Normalerweise haben wir auf der Praxishomepage etwas 1.000 Besucher pro Monat. Aktuell sind es über 9.000. Uns stehen meiner Einschätzung nach mindestens fünf harte Monate bevor.“

Doch er macht auch Hoffnung: „Wir haben über die Behandlung der schweren Verläufe viel gelernt und ein paar aussichtsreiche Impfstoff-Kandidaten und ich rechne damit, dass es Anfang 2021 möglich sein wird, mit einem sicheren und wirksamen Impfstoff diesem Virus effektiv entgegen zu treten. Gerne möchte ich darum heute ein bisschen Werbung dafür machen, die Dinge nun weder rosarot noch pechschwarz zu sehen. Denn um es mal in der Neusser Zeitrechnung abzubilden: Schützenfest wird 2021 stattfinden. Und zwar ziemlich normal. Wenn es uns gelingt, unsere Gastronomie zu retten und wieder unbekümmert und mit Leichtigkeit zu feiern. Das haben wir hoffentlich bis dahin nicht verlernt. Die Zeit bis dahin müssen wir gemeinsam mit gegenseitiger Hilfe und Respekt hinbekommen. Das zeichnet die Menschen bei uns im Rheinland aus. Die große Hilfsbereitschaft, die ich zu Beginn der Pandemie gespürt habe, müssen wir für die nächsten Monate noch einmal mobilisieren. Und uns gegenseitig unterstützen, wo immer es geht. Und ein gemeinsames Ziel haben. “

Wie haben Sie den Aufbau des Testzentrums in Neuss mit Ihrem Praxisalltag vereinbaren können?

Durch die Rückendeckung des Praxisteams und viel Verständnis der Familie. Und massive Unterstützung unseres Kreisstellenvorsitzenden Dr. Steiner und vom Deutschen Roten Kreuz. Die ehrenamtlichen Kräfte sind Tag und Nacht seit März im Dauereinsatz. Einsatzleiter Daniel Brand gelingt es seit Beginn, für jede Situation eine hervorragende Lösung zu finden. Auch die Stadt Neuss und der Kreis unterstützten das Projekt von Anfang an konsequent.

Dr. med. Guido Pukies hat das Corona-Testzentrum mit aufgebaut. Er ist Facharzt für Innere Medizin und Naturheilverfahren, sowie akademischer Lehrbeauftragter der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und akademischer Lehrbeauftragter der Universität zu Köln. Foto: privat

Wann und wie werden Coronatests in Ihrer Praxis durchgeführt? Was halten Sie von den Antigentests?

PCR-Tests haben wir bewusst aus den Hausarztpraxen rausgehalten und ein gemeinsames Testcenter aufgebaut. Das spart knappe Schutzausrüstung, bündelt Kräfte und hat sich sehr bewährt. Zu den Antigentests: Die steigenden Infektionszahlen werden vielleicht ein Umdenken erforderlich machen. Die Antigentestungen sind ein Silberstreif am Horizont und werden zu Unrecht auf die nicht ganz so exakte Sicherheit reduziert. Dabei wird leider vergessen, dass auch PCR-Tests nicht immer korrekt abgenommen werden und dadurch auch nicht 100 Prozent sicher sind. Diese falsch abgenommenen Tests sind sehr gefährlich, da negative Tests aus meiner Sicht eine wesentliche Ursache für die hohen Neuinfektionszahlen sind. Wir brauchen dazu unbürokratische Lösung für die Patienten. Das ist aus meiner Sicht für Weihnachten eine Option, um Familientreffen ohne Sorgen zu ermöglichen.

Wenn Sie drei Dinge rund um das Coronavirus verändern könnten, welche wären das?

Die Menschen dazu bringen, Magerquark statt Klopapier zu hamstern – nein im Ernst: Die Politiker etwas an die Kette legen, was Informationen und das Durchregieren bis in die Praxen angeht, das hat mehr geschadet als geholfen und ganz wichtig: Bürokratie begrenzen – konkret: die Nationale Teststrategie, mit immer mehr Abrechnungswegen. Neun Varianten für einen Test – da steigen viele Kollegen aus und sagen: Da teste ich einfach gar nicht mehr. „Keep things simple!“, möchte man da den Verantwortlichen zurufen. Oder Beispiel Grippeimpfstoff: Ein Ehepaar, beide bei der gleichen Krankenkasse versichert; der Eine bekommt es aus medizinischer Indikation aus dem Praxisbedarf, der andere muss mit einem Kassenrezept in die Apotheke, weil es bei ihm eine Satzungsleistung ist. Das schafft schon Diskussionen. Spannend wird es, wenn der Patient zurückkommt und in der Apotheke kein Impfstoff zu bekommen ist, aber die Praxis noch 90 Impfdosen im Kühlschrank hat, ohne die für ihn benutzen zu dürfen. Das kostet Kraft und Zeit und ist meines Erachtens sinnlos. Wenn die Zahl dieser bürokratischen Regelungen rückläufig wäre, wäre das großartig für alle Beteiligten.

Wie sieht der aktuelle Praxisalltag aus, was musste durch die Pandemie alles verändert werden?

Schutzmaßnahmen wie Plexiglas an der Anmeldung bestimmen – wie überall – den Alltag. Das war anfangs kaum zu bekommen, da war Kreativität gefragt. So haben wir aus Plakataufstellern einen Schutz improvisiert. Ein großes Thema war und ist die Schutzbekleidung – anfangs kaum zu bekommen und überteuert, das ist aktuell etwas besser. Ein wichtiges Ziel ist die Lenkung der Patientenströme: Das gelingt durch ein hohes Maß an Disziplin. Wir trennen unsere Patienten in drei Gruppen: Infektpatienten, andere Akut-Fälle und geplante Termine, denn es gibt ja noch ein paar Krankheiten außer CoViD. Dazu brauchen wir Disziplin bei den Patienten, die sich in geänderte Praxisabläufe einfügen müssen, Disziplin und Organisationstalent bei den Medizinischen Fachangestellten, die zum Beispiel gut sortieren müssen, wer wann in die Praxis kommen darf und Disziplin bei meiner Kollegin und mir: Wir müssen uns an die Termine halten, dürfen uns nicht „verquatschen“, damit das Wartezimmer der leerste Ort der Praxis ist. Das alles entwickelt sich ständig weiter. Stichwort „Lüftungskonzept“, zu dem wir CO2-Messgeräte und Luftfilter mit Hepa-Filtern einsetzen. Zusätzliche Telefonsprechstunden für Infektpatienten helfen ebenfalls, die Patienten zu versorgen, ohne Risiken einzugehen. Hinzu kamen neue Aufgaben, wie die Arbeit im Testcenter Corona Neuss. Perspektivisch werden die Antigentestungen in den Praxen neue Möglichkeiten schaffen. Mit diesen Tests kann man in 15 Minuten mit guter Qualität testen, ob jemand infiziert ist oder nicht. Das eröffnet Perspektiven für Treffen mit Freunden und der Familie. Diese Tests können uns Weihnachten in fast normaler Weise ermöglichen. Allerdings fehlen hier noch einfache und klare Regelungen der Krankenkassen. Da brauchen wir dringend weniger Bürokratie! In der Hausarztpraxis braucht es aktuell mehr Psychosomatik, da viele Patienten in existenzieller Not sind!

Wie gelingt Ihnen und Ihrem Team die Handhabung mit der Flut an Nachfragen (Normalerweise gibt es statt 1.000 Zugriffen nun über 9.000 monatlich auf der Praxis-Website) und welche Tipps können Sie anderen Praxen geben?

Ein gutes Team ist immer wichtig, in der Pandemie überlebenswichtig. Wir haben uns zu Beginn der Pandemie personell verstärkt, das zahlt sich jetzt aus. Die Website ist Segen und Fluch zugleich: Einerseits sind unsere Patienten gut im Bild und durch die ausführlichen Informationen können wir viele Fragen so schon klären. Andererseits rufen viele Patienten an, die zum Beispiel beim Gesundheitsamt nicht durchkommen, oder sagen, ihr Arzt würde sich nicht kümmern. Das schafft ordentlich Mehrarbeit. Trotzdem helfen wir auch da so gut es geht, denn die Menschen sind ja in Not.

Wie motivieren Sie sich in dieser sehr schweren Zeit?

Aushalten: So lange wie nötig und wir gesund bleiben! Meine Prognose: Vor uns liegen noch fünf heftige Monate Pandemie. Wendepunkt wird sein, wenn die Impfungen erfolgreich starten, also hoffentlich im Januar. Hier in Neuss dreht sich die Zeitrechnung immer um das Schützenfest. Auch wenn ich selber kein aktiver Schütze bin, hoffe ich auf ein „normales“ Schützenfest 2021 und bin ziemlich sicher, dass wir das hinbekommen. Motivation: Die Stimmung im Praxisteam ist gut, die Familie und Freunde wissen, was wir da gerade leisten und auch, dass eine Pandemie einmal im Berufsleben passiert. Da muss man nun mal vermehrt ran! Die Dankbarkeit der Patienten, wenn wir helfen konnten, ist groß. Die Menschen registrieren sehr genau, dass wir die Praxis nicht zugemacht haben und täglich überlegen, wie wir gemeinsam da durchkommen. Das trägt uns als Team. Einzelne Patienten sind gereizt, oft haben sie aber auch existenzielle Sorgen. Die Mehrzahl ist sehr nett und dankbar und drückt das auch aus. Das tut uns gut!

Was machen Sie, wenn die Pandemie vorbei ist? Worauf freuen Sie sich?

Die Weihnachtsfeier mit meinem Praxisteam nachholen; zum fünfjährigen Praxisjubiläum habe ich mein Team nach Mallorca eingeladen; wenn wir das alle gut überstehen, wäre so etwas in der Art ein guter Abschluss für die Pandemiearbeit… Ein unbeschwerter Urlaub wäre auch nicht schlecht, um bei der Familie das wieder gut zu machen, was ich durch die Pandemie versäumt habe… Am Tag nach der ersten Impfung gegen Corona in Neuss gibt’s vorher schon mal einen doppelten Aperol spritz in der Gastronomie, die hoffentlich mit einem blauen