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Politik oder Satire?: Fragen an erste PARTEI-Frau im Neusser Stadtrat

Fragen an die erste PARTEI-Frau im Neusser Stadtrat : Ernsthafte Politik oder Satire?

Politiker wie Michael Klinkicht (Grüne) sind bekannt für ihre scharfzüngigen Kommentare, jetzt scheint er „Konkurrenz“ zu bekommen: Yulia Vershinina (32) zieht für Die PARTEI (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) in den Stadtrat ein. Ein Novum in der Geschichte dieses Gremiums.

Wird die 32-Jährige den Satirefaktor in ungeahnte Höhen schnellen lassen? Von Beruf ist sie Kunsthistorikerin und Domina. Als Vivian Vaine zeigt sie sich auf Facebook als Model für Fetish und Fashion/Lifestyle, Gothic und Cosplay, Fantasy und alternative Mode. Der Stadt-Kurier hat der außergewöhnlichen Ratsfrau ein paar Fragen gestellt:

Ihre erste Ratssitzung steht am 6. November an. Sind Sie sehr gespannt, wie Ihre Ratskollegen auf Sie reagieren werden?

Die Medien waren zwar so freundlich, mich als eine Exotin darzustellen, allerdings hoffe und vertraue ich auf die Erfahrung meiner Ratskollegen, sodass sie mir erstmal genauso neutral und ohne Vorurteile und Vorbehalte begegnen wie jedem anderen Ratsmitglied auch.

Wollen Sie die Ratsmitglieder zum Lachen bringen oder ihnen eher das Fürchten lehren?

In erster Linie hoffe ich auf eine produktive gemeinsame Arbeit, um Neuss etwas schöner, sauberer und attraktiver zu machen. Und Lachen ist dabei sicherlich willkommen, schließlich ist es gesund und schafft eine bessere Atmosphäre. Aber ich werde mich jeder Auseinandersetzung stellen, wenn dies nötig sein sollte.

Werden Sie im politischen Haifischbecken die Angel auswerfen, also Sondierungsgespräche mit anderen Parteien führen? Oder sehen Sie sich als Einzelkämpferin, die den Politikern den Eulenspiegel vorhält?

Die PARTEI ist gerne bereit, mit anderen Parteien in Sondierungsgespräche zu gehen, diese Vorgehensweise gehört letztendlich zum althergebrachten politischen Geschäft. Mit den Wölfen muss man heulen. Ob man dann einen gemeinsamen Nenner findet und welche Kompromisse möglich sind und wie diese aussehen könnten, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem wenn man ernsthaft etwas bewegen möchte, sich an der Gestaltung der städtischen Projekte beteiligen möchte, kann man dies nur mit der Unterstützung einer Fraktion. Aber wenn sich die Chance bieten sollte, den Kollegen einen Spiegel vorzuhalten, werde ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Auf einem Wahlkampfplakat sind Sie als Superheldin zu sehen. Welche Superkräfte werden Sie bei Ihrer Arbeit im Rat benötigen?

Es wäre sicherlich hilfreich, wenn ich die gleichen besitzen würde wie meine Kostümgeberin: Gedanken lesen. Solange dies nicht der Fall ist, übe ich mich in Geduld und versuche aufmerksam das politische Geschehen zu analysieren und das Beste daraus zu machen.

Kann man von Ihnen auch ernsthafte politische Arbeit erwarten oder werden Sie sich auf satirische Beiträge beschränken?

Als PARTEI-Mitglied genießt man eine gewisse Narrenfreiheit, die werde ich vermutlich auch in Anspruch nehmen, aber es ist definitiv nicht meine Absicht, meine Tätigkeit nur darauf zu beschränken. Außerdem stehen mir meine PARTEIKollegen zur Seite und werden mich tatkräftig dabei unterstützen und bei der politischen Arbeit helfen.

Welche Themenfelder liegen Ihnen besonders am Herzen?

Gute Bildung für alle hat für mich die oberste Priorität, sie gibt Menschen eine bessere Perspektive und Freiheit bei der persönlichen Lebensgestaltung. Integration ist in meinen Augen auch eins der ganz wichtigen Probleme unserer Gesellschaft. Über Jahre wurde diese übergangen und die Früchte dieser Vernachlässigung erntete man, als die so genannte „Flüchtlingswelle“ kam. Und nicht zuletzt möchte ich mich für Frauenrechte stark machen, dabei geht es mir hauptsächlich um die Selbstbestimmung des weiblichen Teils der Bevölkerung. Wie viel Emanzipation existiert denn tatsächlich, wenn Frauen für ihre legitimen Entscheidungen, die in keinem Konflikt mit dem Gesetz stehen, trotzdem geächtet werden? Aber neben den ganz großen Themen dürfen solche „trivialen“ Probleme wie zum Beispiel die Sauberkeit der Straßen und öffentlichen Plätzen nicht vergessen werden.

Sie machen keinen Hehl aus ihrer Tätigkeit als Domina. Glauben Sie, dass diese Offenheit Ihnen politisch schaden könnte?

Leider bin ich mir ziemlich sicher, dass es mir politisch eher schaden wird. Daran kann man zum Teil die heuchlerische Haltung in der Gesellschaft erkennen. Homosexualität wird mittlerweile in der westlichen Welt als normal angesehen, Sadomasochismus wurde zwar auch von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen, aber in den Köpfen der Menschen ist hierfür noch keine Akzeptanz entstanden, obwohl mit dieser sexuellen Ausrichtung niemandem Schaden zugefügt wird und es oftmals tieferes Vertrauen und Einvernehmen gibt als in klassischen Beziehungen. Aber es wäre ein falsches Signal, diese nicht zeitgemäße Tabuisierung zu unterstützen, indem ich es als Geheimnis behandle. Dann denken die Leute erst recht, dass es etwas ist, was man verbergen und wofür man sich schämen muss.

Weshalb ist es wichtig, dass Sie im Neusser Stadtrat mitarbeiten?

Ich werde zum ersten Mal in die Arena des politischen Zirkus treten und heutzutage ist es populär, sich damit zu rühmen, nicht zum Establishment zu gehören. Aber somit kann ich das Geschehen mit einem frischen Blick von außen betrachten. Darüber hinaus bin ich selbst eine Immigrantin und habe vielleicht eine bessere Einsicht in die Integrationsprobleme.