Gastautor Pfarrer Sebastian Appelfeller über die Geschichten hinter der Krippe Das Team vom Sta

Gastautor Pfarrer Sebastian Appelfeller über die Geschichten hinter der Krippe

In zwei Tagen ist Heiligabend. Sebastian Appelfeller, Vorsitzender des Verbands der Evangelischen Gemeinden in Neuss, hat sich Geanken zum Weihnachtsfest gemacht und teilt sie mit den Stadt-Kurier-Lesern.

Wer der Weihnachtsgeschichte in diesen Tagen begegnet, sieht in der Regel einen sauberen Stall. In der Mitte das kleine Jesuskind. An der Seite die Eltern Maria und Josef. Im Hintergrund die Hirten mit ihren Schafen, dazu Ochs und Esel sowie die Weisen aus dem Morgenland vor der Türe. Und über alledem eine Heerschar von pausbäckigen Engeln. Idylle pur in der sonst dunklen kalten Welt. Dabei sind die anwesenden Personen nur Teil der Kulisse, ihre Geschichte und ihr Leben verschwinden ganz hinter der Szenerie.

In der Weihnachtsgeschichte der Bibel ist das anders. Denn sie beschreibt kein Kammerspiel, in dem die Figuren auf und abtreten, sondern die Menschen selbst und ihre Geschichten stehen im Vordergrund. Drei kleine "Roadmovies" die den Weg der Menschen zum Stall nachzeichnen. Bei aller Unterschiedlichkeit. Sie alle sind verbunden durch die Sorgen, die sie haben.

Da sind zunächst Maria und Josef, ein junges Paar. Beide vermutlich lange noch keine 20. Nichts von der Welt hatten sie gesehen. Und jetzt, da sie ihr erstes Kind bekamen, sind sie weit weg von zu Hause. Ihre Geschichte, ihre Sorge um den Schlafplatz in der Nacht, sie rührt mich an. Auch wenn sie mir fremd vorkommt. Die meisten Eltern heute sind vermutlich doppelt so alt. Haben rooming in und Geburtsvorbereitungskurse gebucht. Ein Netz von Hebammen, Ärzten und Schwestern erwartet sie. Nicht so Maria und Josef. Ihr Unterwegssein erinnert mich mehr an die Geschichten meiner Großmutter. Damals von Schlesien in den letzten Kriegstagen. Mit dem kleinen Baby auf dem Arm. Brüder und Vater im Krieg verschollen.

Dankbar für jede Kleinigkeit, die sie sich zwischendurch erbettelt hatten. Stets in der Angst um das eigene Leben. Und dann irgendwann, angekommen in einer Flüchtlingsunterkunft in Bayern. Unerwünscht. Aber immerhin ein Dach über dem Kopf. Dann sind da die Hirten. Arme Menschen, die Angst haben müssen, morgen nicht genug zu verdienen. Die draußen sind bei den Schafen, die ihnen nicht gehören. Vermutlich selbst nicht älter, als der kleine Anton, der in Oberbayern lebt. Sein erster Brief, so schrieb die Zeitung vor ein paar Tagen, eine Mahnung. Zu viel Hartz-IV hatte seine Mutter bezogen. Und jetzt hat er Schulden mit elf Jahren. Die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie sich dieser Hirten jemand annimmt. Die Engel erzählen von Freude. Wie würde die für Anton aussehen? Gemeinsam machen sich alle auf zum Stall.

Was erwarten sie dort? Die dritte Szene beschreibt drei Männer. Sterndeuter, weise Männer aus dem Morgenland. Sie kommen zum König, doch der will nicht hören, was sie zu sagen haben. Es passt nicht in den Plan. Mir fallen die Wissenschaftler auf dem Klimagipfel in Kattowitz ein. Ihre Botschaft ist einfach und verständlich. Gehör finden sie dennoch wenig. Interessant doch, dass die klügsten Köpfe ihre Weisheit nicht zum König bringen, sondern zu einem Kind. Sie alle sind unterwegs. "Das Volk, das im Finsteren wandelt, sieht ein großes Licht" heißt es bei Jesaja. Jetzt gerade sind sie das Volk. Maria und Josef, Hirten und Weise, aber auch Menschen auf der Flucht, die Wissenschaftler von Kattowitz und Anton. Und jetzt stehen sie alle da. Im Stall von Bethlehem. Um dieses Kind. Und es ist auf einmal nicht mehr wichtig, dass es idyllisch und sauber ist. Alles aufgeräumt und gut drapiert zum Fest. Sondern allen geht ein Licht auf, weil ein Teil ihrer Sorgen mit anderen geteilt wird. Da ist ein Ort, wo man sein darf, da wird Armut nicht ausgegrenzt. Da wird einem zugehört. "Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." Da ist Weihnachten. Und ich nehme mir fest vor, wenn ich das nächste mal eine Krippe sehe, will ich an sie alle denken und mich selbst erinnern, dass auch ich mit meinen Sorgen kommen darf. Dass ich mehr bin, als ein Teil der Szenerie. Dass ich bei Gott zähle mit meiner Geschichte und dass auch sie ihren Platz hat in Weihnachten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest Pfarrer Sebastian Appelfeller

(Kurier-Verlag)