1. Neuss

Neusserin Alina Graf hat in Ecuador einen Medizinmann geheiratet

Ex-Quirinusstädterin lebt im Dschungel+++Zu Besuch beim Bürgermeister : Klimawandel: Neusser „Amazone“ kämpft für Erhalt des Regenwaldes

Was verbindet den Amazonas mit der Quirinusstadt? Da gibt es den Ratsbeschluss für einen Beitritt zum Klimabündnis mit indigenen Völkern, doch Bürgermeister Reiner Breuer hätte sich bestimmt nicht träumen lassen, dass dieses im September beschlossene theoretische Konstrukt so schnell mit Leben gefüllt werden könnte. Alina Graf, eine ehemalige Neusserin, wohnt mit ihrem Ehemann, einem Ureinwohner, im ecuadorianischen Dschungel. Jetzt ist sie zu Gast in ihrer alten Heimat. Ein Thema beim Besuch des Stadtchefs war die Mission, die indigenen Völker und den Regenwald zu schützen.

Neuss. „Es geht darum, die grüne Lunge der Welt zu retten“, macht Alina Graf deutlich, dass auch die Neusser vom Geschehen im fernen Amazonas betroffen seien. „Wir erleben seit vielen Jahren den Wandel der Zerstörung des Amazonasgebietes in Ecuador, besonders durch verschiedene Ölkonzerne, angetrieben durch Machtgier und Verschuldung der Regierung von Ecuador. Wir erleben, wie Existenzen vernichtet werden, wie das Ökosystem nach und nach schwindet, wie lebensnotwendige Flüsse kontaminiert werden und auch die vielen Kämpfe der Indigenen gegen die Regierung, wobei sie sogar manches Mal mit ihrem Leben bezahlen müssen“, berichtet die 38-Jährige. Das Problem: Die Regierung verkauft oftmals Land, das eigentlich den Ureinwohnern gehört und deren Lebensraum ist, meist an Ölkonzerne; den Indigenen fehlt das Geld, ihren Grundbesitz ins Grundbuch eintragen zu lassen und so für die Nachwelt retten zu können. Ein langer Weg, der von Rechtsanwälten und Notaren begleitet werden müsste. Und da könnte die Hilfe aus Neuss ansetzen. Finanzielle Unterstützung und Manpower sind gefragt. „Wir bleiben in Kontakt und werden weiter überlegen, wie die konkrete Unterstützung aussehen könnte,“ sagt Bürgermeister Breuer und verweist besonders auf eins der Ziele des beschlossenen Klima-Bündnisses: die Unterstützung von Projekten und Initiativen der indigenen Partner.

Den Kontakt zwischen Bürgermeister und „Neusser Amazone“ hatte Hakan Temel geknüpft. Der SPD-Stadtverordnete besuchte damals gemeinsam mit Graf das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium. Als Mitglied des Komitees für Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen macht er sich jetzt auch für den Regenwald stark: „Mal sehen, was wir von Neuss aus im fernen Amazonas bewirken können.“

Hakan Temel (r.) begleitete Alina Graf beim Besuch im Büro des Bürgermeisters Reiner Breuer. Foto: Kurier Verlag/Stadt Neuss

Zurzeit plant Alina Graf unter anderem eine Filmdokumentation über das Leben im Amazonasgebiet. Und da gibt es einiges zu berichten. Aber welche Umstände führen eine Neusserin überhaupt in den Dschungel? Nach dem Abi am „Humboldt“ machte sie eine Ausbildung bei einem Immobilienmakler, wanderte dann nach Salzburg aus und startete 2014 von dort aus eine Lateinamerika-Tour. In Ecuador besuchte sie unter anderem eine Kolibri-Züchterin. Auf dem Fest zur Sonnenwende begegnete sie Nantu, einem Medizinmann, „einem Mann von einer anderen Welt“, erzählt sie schmunzelnd. Schon bei der ersten Begegnung „hatte er das Licht in mir gesehen.“ Doch die wilden Geschichten über Amazonas-Indianer hielten sie auf Abstand. Sie reiste weiter – und kehrte kurze Zeit später zurück, um Nantu zu suchen. Es sprach sich schnell herum, dass eine weiße Frau im Dschungel unterwegs war – und Nantu fand schließlich Alina. Vier Wochen nach der ersten Begegnung wurde geheiratet. Vor der Geburt des ersten Kindes wurde Graf krank, musste zurück nach Österreich, um das Ungeborene nicht zu gefährden. Als sie wieder in den Dschungel zurückkehrte, hatte sich ihr Mann eine zweite Frau genommen – nach der Tradition seines Volksstammes eine übliche Angelegenheit. Mittlerweile hat sich die Deutsche damit abgefunden, ebenso wie mit der einfachen Lebensweise. Sie bewohnt ein Zimmer in einer kleineren Stadt, lebt aber meist in einer Hütte im Dschungel – einen Tag Busfahrt und zwei Tage Fußmarsch von der nächsten Wohnbebauung entfernt. Mittlerweile hat sie sich ein kleines Touristenzentrum geschaffen, bietet mit ihrem Mann zum Beispiel Reinigungsrituale und Dschungeltouren an. Natürlich dürfen die Urlauber auch traditionelle Speisen wie fliegende Ameisen oder dicke Würmer kosten. Oder wie wäre es mit einem Schluck des Nationalgetränks der Indigenen – Yukka gekocht mit Süßkartoffeln, durchgekaut von indianischen Frauen? „Nach einigen Tagen fermentiert es zu Alkohol und schmeckt wie saure Milch“, schmunzelt Graf. Nicht jedermanns Sache, ganz im Gegensatz zur Rettung des Regenwaldes – die sollte allen Menschen auf der Welt am Herzen liegen.

Wer Kontakt zu Alina Graf aufnehmen möchte, findet sie auf Facebook unter „Alina Graf“ und „Comunidad Ampush Shamanism“.Rolf Retzlaff